„Es ist ein gefährlicher Mythos, dass manche Menschen glücklich geboren werden.“

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Glück und Liebe lernen

Alain de Botton lehnt am großen Stehtisch zwischen den sorgfältig aufgebauten Häppchen und Weingläsern und lächelt in die Kamera. Das jungenhafte Gesicht des 47-jährigen steht in interessantem Kontrast zum fast kahlen Kopf. Er scheint auf merkwürdige Weise jung und alt zugleich zu sein. Nur drei Stunden bleiben bis zur Lesung aus seinem neuesten Buch auf dem Berliner Literaturfestival, daher ist er direkt vom Flughafen in die Lychener Straße gekommen, um der jüngsten Dependance seiner School of Life einen Besuch abzustatten. Er schüttelt Hände, unterhält sich mit Dörte Dennemann und Thomas Biller, den Leitern der Berliner School of Life, die im April eröffnet wurde – und schenkt mir einen Teil seiner kostbaren Zeit für ein Interview („Neun persönliche Fragen an Alain de Botton“ erscheint in der Dezemberausgabe von „Psychologie bringt dich weiter“)
Wie kein anderer zeitgenössischer Philosoph und Schriftsteller beschäftigt sich der Londoner mit der Frage, wie sich die Erkenntnisse von Philosophie, Literatur und Kunst in unserem alltäglichen Leben anwenden lassen. Sein Durchbruch gelang ihm 1998 mit dem Werk „Wie Proust Ihr Leben verändern kann.“ In „Trost der Philosophie“ führt er auf ausgesprochen amüsante Weise vor, wie Epikur bei Geldsorgen hilft und Schopenhauer bei gebrochenem Herzen.
2008 gründete de Botton die School of Life, eine Art Volkshochschule zur Förderung emotionaler Intelligenz, die mittlerweile weltweit 12 Niederlassungen hat, die jüngste in Berlin.

Zu Beginn unseres Gespräches gestehe ich ihm, dass ich mir als Glücksbloggerin ein wenig wie eine Heuchlerin vorkomme – wo ich doch von Natur aus gar kein so übermäßig glücklicher Mensch bin. Bin ich mit meinem ewigen Grübeln und Zweifeln vielleicht so etwas wie eine fette Diätexpertin?
De Botton lacht und gesteht, dass er seinerseits, obwohl er all diese klugen Dinge schreibt und erzählt – sich für gar nicht besonders weise hält.
„Für einen Menschen, der auf dem Papier so besonders weise daher kommt, bin ich ganz schön normal. Ich reagiere nicht weniger ungeduldig oder kindisch als andere Menschen. Ich würde sogar weiter gehen und sagen, dass ich verrückter bin als andere. Deshalb fühle ich mich so hingezogen zu Logik und Struktur.

Du suchst also Antworten auf Deine eigenen Fragen:
„Ganz genau. Ich bin mein eigener Patient. Ich weiß, dass ich ein ganz schöner Idiot sein kann. Aber ich sehe darin kein Problem. Ich bin immer auf der Suche nach Lösungen, weil ich mir des Problems so sehr bewusst bin.“

Natürlich frage ich ihn nach dem Glück:
Kann man Glück lernen?
Ja. Es ist ein gefährlicher Mythos, dass manche Menschen glücklich geboren werden und andere unglücklich. Wir sind geprägt von romantischen Vorstellungen davon, dass man bestimmte Dinge nicht lernen kann – ich glaube, das ist falsch. Ich halte das Wort „Glück“ für problematisch, ich mag es nicht besonders. Ich spreche lieber von „Erfüllung“. Es gibt viele Dinge, die dir nicht in jedem Moment deines Alltags ein Glücksgefühl verschaffen, die dich aber erfüllen. Man kann erfüllt sein und dennoch schlechte Laune haben, ja sogar ein bisschen unglücklich sein. Worum es mir geht, ist die tiefe Zufriedenheit, die daraus resultiert, dass Du weißt, dass Du das richtige Leben führst. Das verträgt sich durchaus mit schlechter Stimmung. Glück wird oft mit guter Stimmung gleichgesetzt. Gute Stimmung finde ich nicht so interessant – manchmal reicht ein gutes Mittagessen um in guter Stimmung zu sein. Und trotz guter Stimmung kann man sich zutiefst unausgefüllt fühlen.

 

Das Buch:
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Mit der Liebe, ist Alain de Botton überzeugt, ist es ähnlich wie mit dem Glück. Auch hier haben romantische Vorstellungen großen Schaden angerichtet. Die Vorstellungen der geistesgeschichtlichen Epoche, die Ende des 18. Jahrhunderts begann, prägen uns bis heute. In der Liebe, so die romantische Idee, die bis heute jeden Hollywoodfilm zugrunde liegt, geht es darum, die eine einzige Person zu finden, die für uns bestimmt ist. Danach wird alles gut – und der Film ist zuende.
Dabei, ist Botton überzeugt, „ist die Liebe eher eine Fähigkeit als eine Schwärmerei.“

Was Liebe wirklich ist und vor allem wie sie auf Dauer gelingen kann, ist Thema von de Bottons neuem Buch „Der Lauf der Liebe“.
Die Geschichte von Rabih und Kirsten ist recht unspektakulär. Sie lernen sich kennen, verlieben sich, nach einer vernünftigen Zeitspanne heiraten sie und bekommen zwei Kinder. Sie haben gelegentlich Stress im Job, streiten sich und versöhnen sich wieder, gehen eine Weile zum Therapeuten, was ihrer Ehe gut tut. Das besondere an der Geschichte ist, dass während der ganzen Zeit der Philosoph gewissermaßen auf ihrer Bettkante sitzt und das Geschehen kommentiert. Die Kombination aus Roman und Essay liest sich sehr interessant und hält so manche echte Lebenshilfe bereit.
Wir lernen, dass Verlieben viel mit Dankbarkeit dafür zu tun, dass jemand uns sieht und versteht – und dennoch mit uns zusammen sein möchte. „There is in the early period of love, a measure of sheer relief at being able, at last, to reveal so much of what needed to be kept hidden fort he sake of propriety.“ Und dass dem Liebesglück die Tatsache im Weg steht, dass wir in einer Beziehung eigentlich gar nicht das Glück suchen, sondern das Vertraute. Dass wir uns oft Partner suchen, mit denen wir Beziehungsmuster wiederholen, die wir in der Kindheit gelernt haben – und die nicht immer besonders glücklich sind. „We chase after more exiting others, not in the belief that life with them will be more harmonious, but out of an unconcious sense that it will be reassuringly familiar in ist patterns of frustration.“ Die Fehleinschätzung, der andere – der uns doch so gut kennt – müsse wortlos verstehen, wie es uns geht, wird ebenso gut beobachtet wie das „kranke Privileg“, das sich daraus ergibt, dass wir den Partner zum Zentrum unseres emotionalen Lebens machen und damit auch verantwortlich für alles, was in unserem Leben schief läuft. Und wäre es nicht schön, wenn wir bestimmte Aspekte der Liebe zu unseren Kindern auch unseren Partner gegenüber aufbringen würden? „The child teaches the adult something else about love: that genuine love should involve a constant attempt to internpret with maximal generosity what might be going on beneath the surface of difficult and unappealing behavior.“
Wirklich bereit für die Ehe, lernen wir am Ende des Buches, nachdem es seine Protagonisten fast 20 Jahre begleitet hat, sind wir, wenn wir bereit sind zu lieben. „We speak of love as i fit were a single, undifferentiated thing, but ist comprises two very different modes: being loved and loving. We shuold marry whren we are ready to do the latter and have become aware of our unnatural and dangerous fixation on the former.“
Ein warmherziges Plädoyer für die Liebe als lebenslanges Projekt, das Demut braucht und die Bereitschaft zu akzeptieren, dass weder wir selbst noch unser Partner perfekt sind.

Die School of Life:

The School of Life

Die School of Life

Aus der Überzeugung, dass uns Philosophie und Kunst dabei helfen können, die Kunst des guten Lebens zu erlernen, gründete Alain de Botton 2008 in London die erste School of Life. In Kursen kann man lernen, wie man mehr Zufriedenheit aus seiner Arbeit zieht, wie man mit Eifersucht umgeht oder die eigene Kreativität fördert.

„Wir verhelfen den Menschen zu mehr Erfüllung und Weisheit. Ich habe die School of Life 2008 gegründet, weil ich glaube, dass es einen Bereich in unserem Leben gibt, der ausgesprochen wichtig ist und der merkwürdigerweise in unserem Bildungssystem keinen Platz hat und das ist der Bereich der emotionalen Erziehung, der Herzensbildung. In all unseren Kursen geht es um die Frage, wie ein gutes Leben gelingt. Man kann so Vieles lernen! Wir sind in unseren Vorstellungen davon, was man lernen kann und was nicht, stark von romantischen Vorstellungen geprägt. Viele der romantischen Mythen sind ausgesprochen schädlich. Wir denken beispielsweise, dass man Liebe oder Glück nicht lernen kann, aber das ist nicht wahr“, sagt der Gründer.

http://www.theschooloflife.com

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