Danke, ich möchte diesen Tag nicht nutzen

Schreibe einen Kommentar
Frau auf Bank

Man bekommt von diversen Lebensweisheitsverbreitern ja gerne empfohlen, jeden Tag so zu leben, als wäre es der letzte. Ich frage mich, ob die, die so etwas empfehlen, sich schon einmal wirklich vorgestellt haben, was das bedeutet. Panik vom Moment des Aufwachens an. Wenn Du nur noch einmal frühstücken kannst, was isst du dann? Doch bestimmt nicht das angetrocknete Brötchen vom Vortag. Selbst ein liebevoll gekochter Dinkelbrei mit frischem Obst ist sicherlich nicht gut genug für den letzten Tag deines Lebens. Ist es überhaupt wichtig, gesund zu essen, wenn man ohnehin nur noch einen Tag hat? Sollte ich nicht lieber das essen, was mir am allerbesten schmeckt? Und was wäre das? Während man isst, Zeitung lesen – kommt ja wohl am letzten Lebenstag auch nicht in Frage. Überhaupt lesen? Aber wenn Lesen doch immer eine meiner Lieblingsbeschäftigungen gewesen ist? Dauert halt einfach so lange. Vielleicht könnte ich ein paar Gedichte lesen, das geht einigermaßen schnell. Aber auch nur, wenn ich nicht anfange, darüber nachzudenken. Von wem will ich mich am dringendsten verabschieden? Noch einmal meinen Lieblingsfilm schauen oder wären das 90 Minuten verschwendet? Und wenn ich nur einen Film wählen darf, wäre das wirklich der Pate? Teil 1 oder Teil 2? Besser wäre vermutlich Sex haben. Oder mich zu betrinken? Schließlich brauche ich ja keine Angst vor dem Kater zu haben. Aber dann kriege ich meine letzten Lebensstunden nicht mehr richtig mit. Was andererseits ja vielleicht gar nicht so schlecht wäre? Schließlich ist das, was am Ende des letzten Tages kommt, verdammt bedrohlich. Und zuletzt die wirklich wichtige Frage: was ziehe ich an?
Klingt ganz schön anstrengend, oder? Also mich macht die Vorstellung, nur noch solche Tage zu haben, definitiv nicht glücklich. Nie wieder im Jogginganzug auf dem Sofa fläzen und Friends-Folgen schauen, die ich schon in und auswendig kenne. Nie wieder alle Nebenwirkungen auf der Packungsbeilage lesen und Symptome googlen.
Nur noch ein Tag – das ist verdammt wenig Zeit. Die Vorstellung von Knappheit, erzeugt Enge im Herzen. Ich halte diese ganze Carpe-Diem-Nummer für Quatsch. Die Vorstellung, nur noch einen Tag zu leben zu haben, ist einfach nur verdammt traurig.
Ich glaube, wir sollten es genau andersherum machen. Ich halte es möglich, dass, wenn wir uns benehmen, als hätten wir alle Zeit der Welt, wir tatsächlich alle Zeit der Welt haben. Wir hätten Zeit, an der S-Bahnhaltestelle in die Sonne zu blinzeln und das E-Mail checken auf später zu verschieben. Wir hätten Zeit, mit unserer Nachbarin zu reden, obwohl die nie etwas Interessantes zu sagen hat und auch überhaupt nichts für uns tun kann. Wir müssten uns noch nicht einmal darüber ärgern, dass wir auf der Post so lange warten müssen, weil wir ja unendlich viel Zeit hätten. Wir müssten unsere Tage nicht nur nicht bestmöglich nutzen, wir müssten sie überhaupt nicht nutzen. Was für ein schönes Leben das wäre!

teilen...Email this to someoneShare on FacebookPin on PinterestShare on LinkedInShare on TumblrShare on Google+Tweet about this on Twitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *