„Ich glaube an die Magie der Kreativität“

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Portrait Maha Alusi von Omar, www.shapestudios.de
Maha Alusi, Bild: Omar, www.shapestudios.de

Kreativität und Glück

Maha Alusi sitzt am Küchentisch ihres kleinen Häuschens in Berlin Grunewald. Durch das Fenster fällt der Blick in den winterlichen Garten und auf eine Schale, in der Rosenblüten schwimmen. Alle paar Minuten klingelt ihr Handy. Meist ist es einer der Flüchtlinge, denen sie bei der Alltagsbewältigung hilft. Über das Flüchtlings-Engagement der gebürtigen Irakerin soll es in diesem Gespräch auch gehen. Zunächst aber möchte ich sie zum Thema Kreativität befragen und zu ihrem ganz persönlichen Glückstraining, das sie in ihrem Buch Happy Moments beschreibt.

Die 49jährige beantwortet die Fragen in einer phantasievollen und ausdrucksstarken Mischung aus Deutsch und Englisch.

Maha, du bist Architektin, Künstlerin, hast erfolgreich ein Unternehmen für Design-Kerzen aufgebaut – wie kam es, dass du angefangen hast, dich mit dem Glück zu beschäftigen?
An einem gewissen Punkt in meinem Leben ist mir bewusst geworden, dass die Zeit tatsächlich vergeht und ich nicht unendlich viel davon habe. Ich habe eine Art Rechnung aufgestellt, in der die Zeit eine Ware ist, deren Wert in Glück und Unglück gemessen wird. Und dann habe ich beschlossen, meine kostbare Ware nicht mit Ängsten und Sorgen zu verschwenden.

Klingt toll, aber es ist schwer zu glauben, dass das einfach so geht.
Natürlich ist es nicht einfach, aber man kann es trainieren. Jedes Mal wenn ich einen Moment erlebe, der schwierig ist, sage ich: nein, ich ärgere mich jetzt nicht! Oder: Ich werde jetzt nicht traurig.

Es gibt Situationen, die sind so schrecklich, dass ich mir schwer vorstellen kann, dass man da noch Kontrolle über seine Gefühle hat. Eine solche beschreibst du in deinem Buch. Dein Sohn liegt mit Meningitis im Krankenhaus und du weißt nicht, ob er die Krankheit überleben wird (Er ist wieder gesund geworden).
Gerade in dieser Situation war es mir wichtig: wenn das die letzten Tage mit meinem Sohn sind, möchte ich sie nicht in Kummer und Verzweiflung verbringen. Ich habe gemerkt, dass ich etwas ändern kann. Es ist schwierig, aber man kann seine Gedanken so umstellen, dass man diesen Moment, den man hat, zu einem glücklichen macht.

Aber heißt das nicht, einen Teil des Lebens zu verleugnen?
Nein. Natürlich gehören zum Leben auch traurige Momente. Es geht überhaupt nicht darum, diese Tatsache zurückzuweisen. Sondern darum, statt zu klagen, Möglichkeiten zu suchen. Vielleicht etwas an der Situation zu finden, das interessant und gut ist – das löst ganz andere Gefühle aus.

Also geht es darum, die Dinge anzunehmen, aber sich klar zu machen, dass man entscheiden kann, wie man damit umgehen will.
Ja. Natürlich fällt das in einer schmerzhaften Situation schwer. Aber man kommt da raus, Menschen sind so. Umso mehr du es übst, umso stärker und mächtiger wirst du. Ich hätte vor ein paar Jahren selbst kaum für möglich gehalten, wie stark ich heute bin.

In deinem Buch erklärst du deine Methode der Kreativität, die unglückliche in glückliche Momente verwandelt. Du nennst das „Zeit komponieren“. Erklär doch bitte mal, was das genau ist.
Es geht darum, aus dem Moment heraus zu zoomen. Es gibt eine Geschichte, die diesen Moment mit der Vergangenheit und mit der Zukunft verbindet. Diese Geschichte muss ich finden. Das heißt, damit ich klar komme mit diesem Moment weise ich ihm eine Bedeutung zu – und zwar eine wunderschöne Bedeutung, ich habe ja die Macht. Ich habe dann eine Zeitkomposition gemacht und dieses Ding, egal wie traurig es ist, sieht gut aus.

Es geht also eigentlich um Sinn. Wenn man sagen kann, dass etwas sinnvoll ist, kann man besser damit leben.
Ja, aber du musst das kreieren. Manches macht in dem Moment, wo es passiert, keinen Sinn. Du musst es in einen sinnvollen Kontext packen.

Dein Ansatz liegt also darin, dass du dich selbst ermächtigst, die Dinge so zu deuten, wie du möchtest.
Ja und damit verkürze ich die Zeit der Trauer. Ich persönlich spreche auch nicht mehr über negative Erfahrungen. Statt die Zeit damit zu verschwenden zu sagen: „Ich habe mich so schlecht gefühlt“, spreche ich lieber über Ideen, die ich hatte, die Situation zu verbessern.

Also die eigenen Handlungsmöglichkeiten auszuloten, anstatt sich ausgeliefert fühlen.
Genau: No Ausgeliefertsein.

Du hast ein Buch über deine Methode geschrieben und du gibst Workshops – kann das wirklich jeder lernen?
O ja. Es geht hier im Grunde um Erziehung zur Kreativität. Man kann das üben. In meinen Workshops gebe ich zum Beispiel eine Situation vor und fordere die Leute auf, viele verschiedene Arten zu beschreiben, auf diese Situation zu reagieren. Die staunen dann oft, was ihnen alles einfällt.

Und setzen sie es auch in ihrem Leben um?
Ich bekomme viele Rückmeldungen. Oft rufen mich Leute an und sagen: „Maha, ich habe diese oder jene Situation erlebt, da habe ich an dich gedacht und dann habe ich es gemacht.“ Wer die Möglichkeiten, die in dieser Art zu denken stecken, einmal erlebt hat, möchte nicht mehr damit aufhören.

Was sollten wir deiner Meinung nach lernen?
Wir werden dazu erzogen, uns auf vermitteltes Wissen zu beziehen, auf Sprichworte, auf die Weisheiten Anderer. Ich lehne das ab. Wir leben in ständiger Veränderung, daher helfen uns Traditionen nicht weiter. Die Erwartungen von gestern gelten nicht mehr. Wir müssen lernen, den Moment zu betrachten wie er ist und unsere Gefühle und unser Handeln danach ausrichten.

 Du sagst von dir – und man merkt es, wenn man dich kennenlernt – dass du eine Geschichtenerzählerin bist. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Erzählen und Glück?
Das hängt sehr eng zusammen. Um eine Situation zu gestalten, brauchst du Material. Dieses Material ist immer da. Wenn du in der Lage bist, es zusammenzubasteln so wie eine Skulptur, ist es eine Geschichte. Und wenn du die erzählst, dann können alle sie sehen. Du kannst mit einer Geschichte eine Situation komplett verändern. Und ich meine damit nicht nur eine langweile Runde auflockern, sondern auch eine traurige Situation in eine hoffnungsvolle umwandeln.

Wenn du an deine Kindheit denkst, würdest du sagen, du bist zum Glück erzogen worden?
Ich war ein sehr glückliches Kind, aber mir wurde auch beigebracht, dass man in bestimmten Situationen traurig wird, etwa wenn es um Krankheit und Tod geht. Sterben beispielsweise wurde möglichst nicht erwähnt. Ich habe mir die Berührungsängste abtrainiert. Ich möchte alles, was schwer ist annehmen – und umdeuten. Dieses Umdeuten, das war nicht Teil meiner Kultur, im Gegenteil: man versenkte sich in Traurigkeit bis die Zeit einen wieder rausgeholt hat.

Du hast den Verein Happy Moments gegründet, um Flüchtlingen zu helfen, was genau machst du da?
I am changing the world. (sagt Maha und lacht ihr kehliges Lachen). Durch meine Sprache bin ich eine Vermittlerin zwischen den Welten. Aber ich bin mehr als das. Ich habe eine Vision: ich möchte in den Köpfen dieser Menschen den Gedanken verankern, dass Frieden möglich ist, dass sie ihn ermöglichen werden. Gestern zum Beispiel saß ich vor einer riesigen Gruppe bis 12 Uhr nachts in einem Heim und habe ihnen von Martin Luther King erzählt. In den 1960ern, als er davon gesprochen hat, dass Schwarze und Weiße Hand in Hand auf der Straße gehen würden, haben wenige ihm geglaubt, aber seine Stärke war, dass er seine Vision ausgesprochen hat. Ich sage ihnen: gebt euch eine Rolle, seid nicht auf der Seite des Empfängers, ihr habt eine riesige Aufgabe.

Es geht also auch hier darum, die guten Geschichten zu erzählen.
Genau, darum geht es immer.

In gewisser Weise steckt hinter dem was du tust, eine Art magisches Denken. Glaubst du an Magie?
Meine Vorfahren hatten die Fähigkeit zu heilen. Sie wurden als Wunderheiler verehrt. Als mein Vater dann in England Medizin studiert hat, wollte er von dem orientalischen Hokuspokus seiner Familie nichts mehr wissen. Mit den Jahren ist mir klar geworden, dass meine Vorfahren nichts anderes gemacht haben, als die Gedanken der Menschen in einen Zustand zu versetzen, in dem sie sich heilen können. Das ist nichts anderes als Geschichten erzählen. Magie in diesem Sinne bedeutet Kreativität und daran glaube ich.

Was macht dich persönlich glücklich?
Visionen wahr zu machen. Einige habe ich schon wahr gemacht. Viele noch nicht, aber ich habe keinen Stress. Weil es auch genügt, eine Vision auf den Weg zu bringen. To just simply be is beautiful. But to be with a plus is even more beautiful.

http://www.onlyhappymoments.de

Buchcover Maha Alusi Moments of Happiness

Das Buch:
Vor sieben Jahren beschloss die Architektin, Künstlerin und Unternehmerin Maha Alusi, dass es in ihrem Leben nur noch glückliche Momente geben sollte. Sie entwickelte eine Technik, die Psychologen als Reframing bezeichnen und die sie selbst „Zeit komponieren“ nennt. „Unglückliche Momente sind die, in denen wir Dinge erleben, vor denen wir uns fürchten“, erklärt Alusi. „Ich versuche aus diesen Momenten herausszuzoomen und mir die Momente drum herum anzuschauen, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft. Dann denke ich mir eine Geschichte aus, in der die schmerzhafte oder traurige Gegenwart nur ein vorübergehender und notwendiger Teil ist, der dem großen schönen Bild dient.“ Das mag ein wenig weltfremd klingen, aber dass der Entschluss, die Ereignisse des Lebens anzunehmen und als etwas Positives zu erleben, glücklich macht, bestätigt die Forschung. Und da die in Bagdad geborene Maha Alusi eine echte orientalische Erzählerin ist, hat sie ihre Geschichten vom Glück und der Verwandlung des Lebens immer wieder so mitreißend erzählt, dass sie schließlich eingeladen wurde, einen Vortrag auf TED, der Online-Plattform für inspirierende Reden, zu halten. Die Rede entwickelte sich zu einem echten Renner und so entstand die Idee zu dem Buch. Sehr persönlich und illustriert mit eigenen Zeichnungen erzählt sie darin aus ihrem Leben.
Besonders anrührend ist die Geschichte von der schweren Krankheit ihres Sohnes. Einige Tage lang schwebte der Achtjährige mit einer Hirnhautentzündung zwischen Leben und Tod. „Sollten dies die letzten Tage mit ihm sein, sollen sie freudvoll und schön sein“, beschloss Alusi und verwandelte das Krankenhauszimmer in eine Art Abenteuerspielplatz. Es ging gut aus, der Sohn wurde gesund und die selbsternannte Glücksbringerin in ihrer Herangehensweise bestätigt.
Mit so entwaffnendem Charme trägt die Autorin ihre manchmal naiv anmutende Philosophie vor, dass selbst Skeptikern beim Lesen ein Lächeln auf dem Gesicht erscheinen dürfte und sie einen Moment lang denken lässt, dass das Ganze möglicherweise tatsächlich funktionieren könnte.
2015, Kailash Verlag, 240 Seiten, 17,99 Euro

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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