Abkürzung zur Erleuchtung

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Lichtatmung - Gruppe beim Agape Zoe Festival, Berlin
Foto: www.lichtatmung.de

„Atmen, voll und tief atmen“, ermuntert Klaus, während die Musik Fahrt aufnimmt. Ich sitze mit etwa 30 anderen in den schönen Räumen des Forums for Meditation and Neuroscience auf dem Boden und werde eine gute Stunde lang nichts anderes tun als atmen. Eigentlich ist amten nichts, an das man erinnert werden muss. Das macht unser Körper praktischerweise ganz alleine. Atmen ist eine unserer wichtigsten Vitalfunktionen. Unser Leben beginnt mit dem ersten Atemzug und endet mit dem letzten. So lange wir atmen, leben wir. Wir sind uns des Atems dennoch meist nicht bewusst. Ebenso wie unser Herzschlag, unser Stoffwechsel läuft er einfach irgendwie ab. Während wir unseren Herzschlag und Stoffwechsel aber (außer wir sind sehr fortgeschrittene Yogis) nicht unter Kontrolle haben, können wir unseren Atmen bewusst beeinflussen. Deshalb steht der Atem auch im Zentrum so vieler Übungen und Meditationsformen. Er ist gewissermaßen die Schnittstelle zwischen unserem Körper und unserem Bewusstsein. Mithilfe des Atems können wir unser vegetatives Nervensystem beruhigen, uns tief entspannen oder in Trance versetzen.
Interessanterweise ist das deutsche Wort „Atem“ dem Sanskrit-Wort „Atman“ – „Seele“ verwand und auch das altgriechische „pneuma“ heißt sowohl Atem als auch Seele.
Die Musik wird schneller, ebenso meine Atmung. Mir wird irgendwie mulmig, eine leichte Angst steigt in mir auf. Kurz frage ich mich, ob ich das hier wirklich machen möchte, noch könnte ich einfach gehen. „Immer weiter atmen“, sagt Klaus in diesem Moment, als hätte er meine Gedanken erraten. Und also atme ich weiter, versuche mich nur darauf zu konzentrieren, die Luft in meinen Körper hinein und wieder heraus zu pumpen. Die Musik trägt mich. Ich höre die anderen um mich herum, sie sind nah und doch ganz weit weg. Während ich mich anfangs noch anstrengen muss, scheint der Atem irgendwann von selbst zu fließen.
Es geht bei dieser Praxis darum, die Kontrolle aufzugeben, sich dem Prozess zu überlassen. Im Laufe der Stunde erlebe ich das sowohl als beängstigend als auch als wohltuend. Nach einer Weile – merkwürdigerweise ist mir das Zeitempfinden gleich zu Beginn der Stunde abhanden gekommen – wird die Musik noch schneller und Klaus ermuntert uns, immer schneller zu atmen. Er feuert uns an wie ein Coach vom Rande des Spielfelds. „Denkt mehr an Fitnessstudio als an Meditation“ hat er uns in seinen einführenden Worten aufgefordert. Heftig und stoßweise atme ich ein und aus, mein Körper macht kleine rhythmische Bewegungen. Ich fühle mich an die Geburten meiner Kinder erinnert. Ich beginne zu schwitzen. Bilder beginnen aufzusteigen, ein ständiger Fluss wie im Traum. Erinnerungsschnipsel kommen und gehen ohne dass ich das Bedürfnis habe, über sie nachzudenken.
Nach einer Weile immer anstrengenderer, immer schnellerer Atmung, wird die Musik plötzlich langsam und sentimental wie in einem Hollywoodfilm, wenn das Happy End naht. Die Anstrengung lässt nach und Klaus spricht von dem Licht, das mit unserem Atem in uns einströmt. Ich meine, dieses Licht wirklich spüren zu können, als ein tiefes Wohlgefühl, das meinen Körper durchströmt. Auf einmal muss ich weinen, Tränen laufen mir die Wangen herunter. Ich spüre eine wehmütige Traurigkeit, die sich aber nicht unangenehm anfühlt. Nach einer Weile geht sie vorbei und ich werde ganz ruhig.
Während wir im ersten Teil der Stunde einfach nur atmen, ist der zweite Teil eine Art geführter Meditation. Nach dem Einströmen des Lichts, erkunden wir unser Herz und das, was es eventuell schwer macht, schicken einer Person unserer Wahl Liebe und schließlich uns selbst.
Diese Praxis löst offenbar nicht nur bei mir ein heftiges Wechselbad der Gefühle hervor, immer wieder höre ich jemanden stöhnen, schluchzen, manchmal lachen, aber irgendwie stört das nicht. Es ist als würde durch das gemeinsame Atmen eine Verbindung entstehen, eine Vertrautheit mit wildfremden Menschen. Als wir am Ende blinzelnd die Augen öffnen, sehe ich auf vielen Gesichtern ein Lächeln und der Augenkontakt fällt nicht schwer. „Es ist“, sagt jemand „als hätten wir zusammen gefeiert.“ Und ich denke, wohlig erschöpft und gelöst: Ja, genau so fühlt es sich an.

 

Vidya Raster und Klaus C. Ulbricht
Vidya Raster und Klaus C. Ulbricht

Interview 

Liebe Vidya, Lieber Klaus, erklärt doch bitte mal, was Lichtatmung genau ist?
Lichtatmung ist eine therapeutische Prozessarbeit über eine musikalisch und sprachlich geführte dynamische Trance-Atemmeditation. Man kann durch sie in einen Bewusstseinszustand gelangen, in dem sich Blockaden, die unseren Lebensfluss und die Potenzialentfaltung behindern, leichter aufdecken lassen. Der Moment, in dem sich diese Effekte einstellen, wird von einigen Teilnehmern als das Betreten eines lichtvollen Raumes beschrieben, das Aufleuchten eines hellen Lichts, was der Lichtatmung ihren Namen gegeben hat.

Was genau passiert dabei?
Jede Atemsitzung ist anderes und wird von wiederkehrenden Teilnehmern mit dem Abziehen einer weiteren Zwiebelschicht verglichen. Die Erfahrungen können körperlich, emotional oder psychisch sein und sie können kontinuierlich oder abrupt zum Kern der Dinge führen. Die Fokussierung auf den Atem baut deine Energie gezielt auf und bündelt sie. Du hast einen starken Anker, der dich im Moment und bei dir hält und kannst die freigesetzte Energie nutzen, um Blockaden aufzudecken und aufzulösen.

Man bekommt also Zugang zu seinem Unterbewusstsein?
Genau. Dinge, die bisher unter hohem Aufwand unterdrückt wurden, können wie Luftblasen an die (Wasser-)Oberfläche kommen und dann auch gehen. Dies kann der Atmer meist aus dem von ihm selbst eratmeten „Lichtraum“ heraus beobachten – ohne aktiv daran teilnehmen zu müssen. Die Energie, die zuvor für die Unterdrückung von ungewünschten oder verdrängten Gefühlen oder Geschichten benötigt wurde, wird frei. Das sorgt insgesamt für Erleichterung, du kommst in deine Kraft und wirst in die Lage versetzt, dein Potential zu finden. Die Lichtatmung hilft dir, dich von Überflüssigem zu trennen und nach und nach wieder das Heft in die Hand zu bekommen, mehr Lebensfreude zu fühlen.

Welche Rolle spielt die Musik?
Die musikalische Dramaturgie spielt gemeinsam mit den sprachlichen und den olfaktorischen Suggestionen eine entscheidende Rolle. Der Atmer wird gezielt zu bestimmten Themen und Emotionen geführt. Die ein- bis zweistündigen geführten Atemmeditationen haben jeweils unterschiedliche Dramaturgien, beleuchten verschiedene emotionale, mentale, soziale, spirituelle, sexuelle und physische Aspekte des eigenen Seins.

 Was unterscheidet die Lichtatmung vom Holotropen Atmen?
Die Lichtatmung arbeitet mit deutlich mehr Anleitung und thematischer Führung und die Gruppe – also die energetische Interaktion der Teilnehmer untereinander – spielt eine größere Rolle. So entsteht ein Gefühl der Zugehörigkeit, des Getragenseins von der Gemeinschaft, was zusätzliches Vertrauen schafft, sich auf die Prozesse einzulassen und sich zu öffnen.

Mit geschlossenen Augen hört man als Teilnehmer nur Klaus Anweisungen, Ihr leitet die Gruppe aber immer mit mehreren Leuten – was genau tut Ihr während der Praxis?
Die Suggestionen und Ansagen spielen eine entscheidende Rolle. Sprache funktioniert hier fast wie Akupunktur und setzt Marker, die den Gruppenprozess maßgeblich unterstützen. Grundsätzlich getragen wird die Gruppensituation durch die Schaffung eines energetisch-akustisch-olfaktorischen Raumes, den die Begleiter über den gesamten Zeitraum halten. Dies ist ein wesentlicher und zentraler Aspekt, der den Atmern einen Schutzraum bietet. Der energetische Raum wird vor allem durch Praktiken aus dem geistigen (Energieübertragung) und dem Schamanischen Heilen (Space Keeping) begleitet. Zusätzlich arbeiten wir in bestimmten Momenten an individuellen Themen der Teilnehmer. Auch dies geschieht vor allem über Praktiken des geistigen oder schamanischen Heilens, aber auch über Bodywork, Sprache oder sogar Gesang. Da dies aber meist den individuellen Prozess betrifft, ist dies so gestaltet, das dies nicht zwingend durch die Gruppe wahrgenommen wird.

Während der Übung, nimmt man manchmal intensive Düfte wahr. Was hat es damit auf sich?
Zur Schaffung des olfaktorischen Raumes, aber auch zur energetischen Unterstützung der Atmer, setzen wir einen bestimmten Teilaspekt der Aura Soma Therapie, einem seit den 1980ern bewährten energetischen Farb- und Duft-Konzepts, ein. Zum Einsatz kommen die sogenannten ‚Pomander’ und ‚Quintessenzen’ als Raumsprays oder Essenzen. Die eignen sich sehr gut, um gezielt bestimmte Themen hervorzuholen und deren Bearbeitung zu unterstützen. Außerdem bieten wir Teilnehmern an, sich von einer der Essenzen begleiten zu lassen. Sie werden dann entweder in das Energiefeld eingebracht, auf den Körper aufgetragen oder einfach nur gerochen und dienen als eine Art „Duftbegleiter“.

Wie merkt Ihr, dass jemand Unterstützung braucht und auf welche Art greift Ihr ein?
Die Kernbedeutung des Wortes Schamane bedeutet ‚Sehen können’. Eine wesentliche Voraussetzung jeglicher Heil- und Therapiearbeit ist die Fähigkeit zur klaren Wahrnehmung der individuellen Situation eines Teilnehmers. Die Begleiter der Atmung bringen einerseits ihre jeweiligen individuellen Therapiepraktiken mit, verfügen aber andererseits alle über eine Fähigkeit zur intuitiven Wahrnehmung der spezifischen Situation des Teilnehmers. Manchmal ist diese offensichtlich, vor allem dann, wenn der Atmer sehr stark über körperliche Prozesse reagiert, manchmal ist sie subtiler.

 Gibt es etwas, das man wissen sollte? Ist die Praxis für jeden geeignet?
Wie bei allen tiefgehenden, prozessualen Selbsterfahrungen ist natürlich auch hier auf Einiges zu achten: Grundsätzlich ist die Atmung für jeden geeignet. Bei bestimmten akuten oder chronischen Erkrankungen, aber auch in bestimmten Lebenssituationen raten wir von einer Teilnahme ab oder schließen sie aus. Dazu gehören vor allem akute psychische Erkrankungen, akute oder chronische Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder die Einnahme bestimmter Medikamente. Auch bei fortgeschrittener Schwangerschaft und unmittelbar nach Operationen raten wir vom intensiven Atmen ab.

http://www.lichtatmung.de

 

 

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