„Unser Status ist sagen zu konnen: Ich bin glücklich.“

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Nadia Boegli von The Changier vor herbstlichem Baum

Glücklich arbeiten

Die gebürtige Schweizerin Nadia Boegli hat Menschenrechte und Internationale Beziehungen studiert, weil sie einen Job wollte, in dem sie Gutes tun konnte. Als sie bei einem Praktikum in der Human Rights Commission in New York erlebte, dass Teilnehmerinnen einer Debatte über Vergewaltigung von Kindern im Kongo sich während der Vortrage über die neueste Handtasche von Louis Vuitton unterhielten, wurde ihr klar, dass sie ihren Traumjob in den großen Organisationen nicht finden würde.
2014 gründete sie gemeinsam mit ihren Freundinnen Nicole Winchell und Naomi Ryland The Changer, Netzwerk und Vermittlungsplattform für Jobs mit Sinn. Inzwischen schauen monatlich 350.000 Besucher auf ihrer Seite vorbei, die sich für Arbeitsmöglichkeiten im sozialen Sektor interessieren.

Auf Eurer Seite erklärt Ihr, dass Ihr die Welt verbessern wollt. Das ist ein sehr schönes Ziel, erzähl doch mal, was Ihr genau macht?
Wir verbessern die Welt, indem wir Leuten helfen, die Welt zu verbessern. Auf der einen Seite verleihen wir Projekten und Organisationen aus dem sozialen Bereich Sichtbarkeit, indem wir sie auf unserer Seite darstellen. Da kann zum Beispiel jemand, der gerade ein Flüchtlingsprojekt macht, zeigen, wie es läuft, damit andere davon lernen können. Auf der anderen Seite zeigen wir die Jobs, die es im sozialen Sektor gibt, von Stiftungen über Vereine bis hin zum CSR-Bereich. * Wir möchten den Leuten Alternativen zur Old Economy zu bieten und den Einstieg in die Purpose Economy ermöglichen.

Was heißt denn Purpose Economy?
Den Begriff hat Aaron Hurst eingeführt, der Gründer der Nonprofit Organisation Taproot Foundation. Seiner Ansicht nach geht gerade die Phase der Information Economy zu Ende, in der wir Informationstechnik entwickelt haben, die uns das Leben erleichtern sollte, es aber im Grunde schwieriger gemacht hat. Die Purpose Economy ist darauf ausgerichtet, dass es uns und der Welt gut geht. Es geht also darum, eine Ökonomie zu entwickeln, die die Welt rettet und uns Menschen hilft, glücklich zu sein.

Ist das nicht ein schöner Traum?
Ich glaube, dass die Wirtschaft sich tatsächlich dahin wandelt. In den USA existiert der Begriff „Social Business“ kaum noch, weil es schon so normal ist, dass Unternehmen sozial engagieren und nachhaltiger sind. Natürlich ist das noch nicht komplett umgesetzt und in Deutschland sind wir auch noch deutlich weniger weit. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir in den nächsten Jahren dahin kommen, dass Unternehmen soziale Unternehmen werden.

Wie kommt es zu einem solchen Wandel?
Es gibt so viele Menschen da draußen, vor allem in meiner Generation, Anfang Mitte 30, die sagen: „Ich möchte morgens aufstehen und mich gut fühlen bei dem, was ich tue.“ Je mehr diese Menschen dann auch in normale Unternehmen reinkommen, desto mehr werden die sich von innen heraus verändern.

Woher kommt der Wunsch der so genannten Generation Y, Sinnvolles und Gutes zu tun?
Ich habe zwei Theorien: Auf der einen Seite sind wir eine Generation – und die nach uns noch mehr -die in einem Wohlstand aufwachsen – ich spreche hier von Deutschland. Wir haben keinen Krieg, jeder hat genug zu essen, Sicherheit, Geld und Status sind uns einfach nicht so wichtig. Unser Status ist nicht mehr, zwei Autos in der Garage zu haben, sondern sagen zu können: Ich bin glücklich.

Und die zweite Theorie?
Wir sehen einfach das Leid, das es überall auf der Welt gibt. Und die Zerstörung der Umwelt, das, was wir kaputt gemacht haben und immer noch kaputt machen. Durch die Informationen, die wir die ganze Zeit haben, hat sich der Drang zu etwas Positivem entwickelt. Zu dem Wunsch, sein Leben dafür zu nutzen, etwas Gutes zu tun.

Was macht denn einen Job aus, der glücklich macht?
Kommt darauf an. Es ist vor allem wichtig, sich ein paar Fragen zu stellen: Was sind meine Stärken und Schwächen? Was sind die Sachen, die ich wirklich gerne mache? Es hilft, mal aufschreiben, was man als Kind gerne gemacht hat und zu schauen, was davon man immer noch gerne macht. Möchte ich alleine arbeiten oder im Team, möchte ich in der Lage zu sein, von zu Hause aus zu arbeiten oder vielleicht sogar in einem anderen Land? Im sozialen Bereich muss man sich auch darüber im Klaren sein, dass man nicht immer eine direkte Wirkung hat. Wir haben oft damit zu tun, dass Leute etwa aus einer Unternehmensberatung zu einer NGO wechseln und dann frustriert sind, weil sie immer noch nicht das Gefühl haben, dass sie irgendjemandem helfen.

Gute Unternehmensziele sind ja auch keine Garantie dafür, dass die Arbeitsbedingungen gut sind.
Ja, wir denken noch darüber nach, wie wir die unterschiedlichen Kriterien am Besten erfassen. Die Idealvorstellung wäre es, dass wir irgendwann eine Art Zertifikat haben mit klar festgelegten Punkten. Ein bisschen wie die Banane von Andy Warhol, die man an jeden Ort klebte, der irgendwie cool war. Wir sprechen von „Karriere mit Sinn“ aber natürlich ist Sinn für jeden etwas anderes. Ich kenne auch Leute, die in einer Bank arbeiten und das als sinnvoll ansehen. Wir wollen keinem sagen, dass das, was er tut das Falsche ist, sondern mögliche Alternativen zeigen. Es gibt ja beispielsweise nachhaltige Banken, bei denen man auch sein könnte.

Etwas Gutes tun zu wollen kann durchaus auch eine Art von Druck erzeugen. Vielleicht ist es ja sogar leichter mit einem Job glücklich zu werden, wenn der einzige Anspruch ist, dass man damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann.
Ja, wir haben all diese Möglichkeiten, das Wissen: ich könnte auch in Australien leben, ich kann machen was ich will, bin gut ausgebildet – aber eben auch den Druck, unbedingt etwas daraus machen zu müssen.

Wie kriegt man denn den Idealismus und den Wunsch – oder die Notwendigkeit – seinen Lebensunterhalt zu verdienen unter einen Hut?
Es ist auch ein bisschen trade off, natürlich verdienst du bei Amnesty International weniger als bei der Commerzbank.
Mir persönlich war es immer wichtiger, mit gutem Gewissen aufzustehen als mir ein Auto leisten zu können. Wobei ich mit meinem Job schon mein Leben finanzieren möchte – außerhalb von Berlin könnte ich das zurzeit nicht. Wenn ich in der Schweiz leben würde, wäre es schwieriger, aber auch dort gibt es Alternativen. Das Ziel ist doch, dass man auch mit gutem Gewissen genug Geld zum Leben verdienen kann.

Würdest Du sagen, dass die Bedingungen in Start ups und jungen Unternehmen grundsätzlich besser sind?
Nein, oft sind sie sogar schlimmer. Es gibt natürlich gute Beispiele wie Soundcloud oder Wooga, aber die sind inzwischen ja riesengroß, die haben schon aus Fehlern gelernt. Aber oft haben die Gründer noch nie irgendwo anders gearbeitet und wissen überhaupt nicht, wie man mit Menschen umgeht. Ich habe auch beobachtet, dass erfolgreiche Entrepreneure oft ein bisschen in die Psychopathenschiene rein gehen. Du musst schon komisch ticken (wir ticken auch komisch), wenn du bereit bist für eine Idee von morgens bis abends zu arbeiten und erstmal kein Geld zu verdienen.

Seid ihr auch so?
Das können wir noch nicht so richtig beurteilen, wir haben bisher nur einen Festangestellten. Aber wir sind schon auch so „Kopfhörer auf, mach dein Ding“ und kommuniziert wird noch nicht genug. Aber wir wollen wachsen und zusammen mit einem Coach eine holokratische Organisationsstruktur aufbauen.

Würdest du sagen, dass der Wunsch Verantwortung zu übernehmen, Risiko zu tragen, dazu gehört, wenn man sinnvoll arbeiten will?
Wenn man etwas Eigenes machen will ja, sonst nicht unbedingt. Generell muss man natürlich immer Verantwortung übernehmen, um den Sinn beizubehalten. Nur weil ein Unternehmen sinnvolle Produkte herstellt, heißt es ja nicht, dass auch der Job sich sinnvoll anfühlt. Für viele liegt der Sinn darin, das Gefühl zu haben, eine wichtige Rolle zu spielen. Das muss jeder für sich selber herausfinden.
* Corporate Social Responsibility – die soziale Verantwortung eines Unternehmens

http://www.thechanger.org

 

 

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