Andenken an einen Fremden

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Das sind Laibl und seine Frau Itka aus Mlawa in Polen.
Ich kenne sie nicht, sie sind nicht mit mir verwandt, ich habe bis heute keine Verbindung zu ihnen gehabt. Ich weiß nichts über sie, ich habe keine Ahnung, wie sie gelebt haben. Ich weiß nur, wie sie gestorben sind: Sie wurden in Auschwitz ermordet.
Heute wurde mir Laibl von einem Algorithmus zugewiesen, nachdem ich mich auf der Seite der Holocaust-Gedenkstädte Jad Vashem registriert habe.

„Ich gedenke Laibl Listopads“.
Was kann das bedeuten?
Es soll zumindest mehr bedeuten, als das Bild eilig auf Facebook zu stellen als Zeichen meiner guten Gesinnung. Aber wie kann ich eines Fremden gedenken, der mir zufällig zugeteilt wurde?
Und wenn es kein Zufall ist? Ich betrachte das Bild. Jung sieht er aus, sanft und friedlich mit seinem leichten Silberblick und dem angedeuteten Lächeln auf den Lippen. Itka, die Haare hübsch frisiert, der Mund sorgsam geschminkt, an seine Brust gelehnt. Solche sepiabraunen schön inszenierten Bilder gibt es auch von meinen Großeltern, Urgroßeltern.
Ich spüre einen Kloß im Hals, aufsteigende Tränen. Kann man um einen Fremden trauern? Oder was fühle ich hier? Ich forsche weiter. Schuld? Eher nicht. Da ist vor allem diese tiefe Traurigkeit, die mich schwer und kraftlos macht. Kalt und schwer. „Was für eine Verschwendung“, denke ich, „Was für eine tiefe Verletzung all dessen was Heilig ist.“
Ich versuche Laibl in mir abzubilden. Beschließe, ihn eine Weile mit mir herum zu tragen, in meinem Inneren zu wiegen wie einen schreienden Säugling. Das, denke ich, kann ich für ihn tun. Ich kann nicht erklären, warum mir das sinnvoll erscheint, aber das tut es.
Als wir in der Schule über den Mord an 6 Millionen Juden gelernt haben, der von unseren Vorfahren begangen oder nicht verhindert wurde, ging es immer um Fakten. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je gefragt wurde, was ich angesichts der Bilder von Bergen ausgemergelter Leichen, der Geschichten sadistischer Grausamkeit, der technischen Perfektion der Tötungsmaschinerie gefühlt habe. Das war gefährliches Terrain, das die Erwachsenen sorgsam mieden. Das ging so weit, dass Gefühle ganz allgemein (und das Sprechen darüber) als bedrohlich empfunden wurde.
Wie wir inzwischen wissen, ist es aber nicht möglich, zu beschließen, Gefühle nicht zu haben. Gefühle sind energetische Phänomene. Energie, die da ist, geht nicht einfach weg. Wird eine Kugel angestoßen, rollt sie so lange, bis die Energie aufgebraucht ist. So werden verdrängte Gefühle zu etwas anderem. Zu Krankheit, Streit, familiären Konflikten. Was man im Inneren nicht zulassen kann, erscheint als Thema in der Welt. Wut auf die Zustände, Hass auf die anderen. Kollektiv nicht Gefühltes wird zum kollektiven Problem.
In diesem Sinne ist einer der größten Beiträge, die wir zur Verbesserung der Welt leisten können, das Fühlen.
Und da wären wir dann beim Glück. Es ist nämlich ein großes Missverständnis, dass die Abwesenheit von Unglück glücklich macht. Wir sollten Raum schaffen in unserem Inneren für das ganze Ausmaß der Gefühle, auch – und gerade-  der vermeintlich negativen wie Angst, Scham und Wut. Innerlich so groß werden, dass das Leben in seiner Fülle Platz hat.  Denn ein erfülltes Leben ist ein glückliches Leben.

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