Berlin heilen

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Zwei Frauen, die sich an den Händen halten, Agape Zoe Festival Berlin

Berlin heilen

Als ich Mitte der 90er Jahre nach Berlin zog, fühlte ich die Versehrtheit dieser Stadt wie tiefe Verzweiflung. Täglich legte ich die Finger in Wunden. Damals waren die Einschusslöcher in den Fassaden noch überall, so als wäre der Krieg gerade erst vorbei. Bei jedem Haus stellte ich mir vor, dass es dieses gewesen sein könnte, das mein Großvater im Frühjahr 1945 gemeinsam mit zwei 14-jährigen Jungen gegen die Russen zu verteidigen versuchte.
Als der Potsdamer Platz bebaut wurde, erfuhr ich, dass der Boden hier nicht trägt. Und so fühlte auch ich mich: auf unsicheren Grund. Irgendwie ständig unruhig. Ich wäre gerne wieder weg gezogen und hätte meine kleinen Kinder irgendwo in Sicherheit gebracht. Ich sehnte mich danach, dass alles stabil ist. Ein Wunsch, den diese Stadt – und das Leben im Allgemeinen, wie ich inzwischen weiß – selten erfüllt.
Ich weiß nicht genau, wann es passierte, aber irgendwann begann das Unbehagen sich wie Abenteuer anzufühlen. Und die Unruhe wie Leichtigkeit, wie das prickelnde Flirren der Luft, das besonderen Ereignissen voran geht. Etwas in mir hatte sich in Bewegung gesetzt. Ich glaube, das ist es, was Berlin macht – Dinge in Bewegung setzen. Das kann sehr aufregend sein – und auch ganz schön weh tun.
So wie der Granatsplitter im Körper meines Großvaters, der – nachdem er sich 30 Jahre lang nicht bewegt hatte – anfing zu wandern.
In „Eine neue Erde“, dem Klassiker der esoterischen Literatur, spricht Eckhart Tolle vom „Schmerzkörper“ als einem „Energiefeld alter, aber noch lebendiger Emotionen“, der sowohl individuell, als auch kollektiv vorkommt. Orte, die „besonders viele Akte kollektiver Gewalt erlebt oder begangen haben, besitzen einen stärkeren kollektiven Schmerzkörper.“ Ein solcher Ort dürfte Berlin wohl sein.
Ein starker Schmerzkörper kann Menschen in die Verzweiflung treiben – aber auch in die Transformation.
So wie Tony Sarantopoulos. Viele Jahre hat er im Gastronomie- und Eventbereich gearbeitet, anschließend gemeinsam mit seinem Bruder das Modeunternehmen der Familie geführt. Die Firma lief gut, aber ihm ging es zunehmend schlechter. Immer dringender nagte die Frage an ihm, wie er eigentlich leben wollte. Bis er schließlich zusammenbrach – Diagnose Burnout. „Vor drei Jahren“, sagt er, „war ich einer der unglücklichsten Menschen auf diesem Planeten.“

Portrait Tony Sarantopoulos lächelnd in schwarzem T-Shirt
Tony Sarantopoulos

Eines Tages packte er seinen Rucksack, fuhr hinaus in die Welt, um herauszufinden, „was es jenseits von Geld gibt“. Eines Nachts, auf einer winzigen Insel in Belize ohne Strom und Internet, funkelte das Meer von phosphorisierendem Plankton und der Himmel von Sternen. „Da dachte ich: Wie schön ist diese Welt – Genieß doch einfach dein Leben! Für mich war das wie neu geboren werden.“ Nach diesem Erlebnis fühlte Tony sich anders, „connected mit dem Universum“, das ihm auf einmal neue Dinge offenbarte. Zum Beispiel eine besondere Gemeinschaft in Arambol auf Goa, in die er zufällig geriet. „Es war so eine Art Hippie-Kommune. Ich kannte keinen, war aber überwältigt von der Harmonie und Freundlichkeit, die da herrschte.“ Und davon, dass jeder irgendeine Technik beherrschte, mit der er andere heilen oder ihnen etwas Gutes tun konnte.
Als er im vergangenen März nach Berlin zurückkam, wuchs die Idee, hier etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen – Tony sprach zwei befreundete Yogalehrer an und einen Grinberg-Therapeuten, mit dem er gearbeitet hatte. „Ein kleines Ding“ sollte es werden. Nach drei Monaten waren 40 Lehrer zusammengekommen, 400 Besucher kamen zur Veranstaltung nach Neukölln. Das kleine Ding, das er gemeinsam mit „Cacao Mama“ Serap Kara https://www.happster.de/healing_arts_festival
verwirklicht hat und das inzwischen auf dem idyllischen Eden-Gelände in Pankow stattfindet, hat eine Eigendynamik entwickelt. Vielleicht weil Berlin genau darauf gewartet hat.
Liegt es an der besonderen Energie dieser Stadt, dass so viele auf der Suche nach Heilung sind? Sind wir alle Leidende? Wer keinen Schmerz spürt, sucht schließlich auch nicht nach Heilung. Oder sind wir in Wirklichkeit nicht kränker, sondern einfach sensibler? Und sind die Schmerzen, die wir spüren, vielleicht die Geburtswehen eines neuen Bewusstseins?
„Beides ist hier“, ist Tony überzeugt. „Viele Menschen sind auf der Suche und es gibt super viele Lehrer, die unglaublich begabt sind und uns das Leben leichter machen können.“ Viele der Lehrer und Heiler hat er auf seinem eigenen Heilungsweg kennen gelernt. Jetzt möchte er sie weiterempfehlen. „Mein Burn-out hat mich zu einem Burn-in geführt. Jetzt möchte ich anderen zeigen, dass es all diese Lösungen gibt.“
Die Lösungen sind ausgesprochen vielseitig, von Yoga, Tanz, Konzerten, über Coaching und Körpertherapie bis zur schamanischen Einzelarbeit reicht das Angebot des Festivals.
Mit Agape Zoe möchten Tony und Serap ein nachhaltiges Forum schaffen, daher soll es alle zwei Monate stattfinden. „Wir sehen diese zwei Tage als Happening, zu dem die Gemeinschaft immer wieder zusammen kommt“, sagt Tony.
http://www.healingberlin.com

Meditierende beim Agape Zoe Festival Berlin
©Grit-Siwonia
Tanzende beim Agape Zoe Festival Berlin
©Grit-Siwonia
Liegende Meditierende mit Blütenblättern, Agape Zoe Festival Berlin
©Grit-Siwonia
Partnerübung beim Agape Zoe Festival Berlin
©Grit-Siwonia

 

 

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