„Wenn ich anfangen würde mich abzugrenzen, könnte ich meine Arbeit nicht mehr machen“

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Coaching für Geflüchtete

Mit Studium und Coaching-Ausbildung könntet du alle möglichen Jobs machen, wie kam es, dass du dich für die Arbeit mit Geflüchteten entschieden hast?
Die Themen Migration, Gerechtigkeit und Teilhabe haben mich schon zu Schulzeiten interessiert. Während der „Flüchtlingskrise“ 2015 habe ich dann beschlossen, ehrenamtlich in dem Bereich zu arbeiten und bin zum Stammtisch von Moabit hilft! e.V. gegangen. Ich war total beeindruckt von der Leiterin des Vereins Diana Henniges. Sie war so informiert und dabei so leidenschaftlich, das wollte ich auch.

Du hast dann dort einen Job übernommen?
Ja, ich habe Kinderbetreuung in einer Unterkunft des ASB in Alt Moabit organisiert. Und ich habe sofort das Gefühl gehabt, dass ich hier richtig bin und etwas Sinnvolles tue.

Nach Abschluss deines Studiums hast du dann als Koordinatorin der Erwachsenenpädagogik im Flüchtlingszentrum Mertensstraße in Spandau angefangen. Welche Erfahrungen hast du gemacht?
Das Heim wurde von einem christlichen Träger geführt und interessanterweise bin ich zum ersten Mal wirklich gläubigen Christen begegnet. Ich habe gesehen, dass Menschen, die Religion so leben, wie sie im Idealfall sein könnte, anderen sehr liebevoll begegnen. Mit der Haltung: ‚Ihr seid gerade in einer sehr schweren Situation, wir können euch helfen und wir machen das auf Augenhöhe’.

Hattest du das vorher anders erlebt?
Ja, unter den Ehrenamtlichen gab es viele, die das so von oben herab gemacht haben, das fühlte sich für mich immer falsch an.

Bei diesem Job warst du in intensivem Kontakt mit den Geflüchteten, wie war das für dich?
Zunächst einmal war ich jeden Tag aufs Neue dankbar für die Sicherheit und den Wohlstand, in dem ich hier lebe. Es hat mich mit Demut erfüllt, zu sehen, dass Menschen, die so viel Schreckliches erlebt haben, trotzdem so freundlich und oft sogar fröhlich weitermachen.

Desale, Saed, Mohammed
Desale, Saed, Mohammed haben Spaß

Zum ersten Mal habe ich so viele so unterschiedliche Menschen getroffen. Es ergaben sich Gespräche, in denen ich ohne den Anspruch politisch korrekt sein zu müssen, Fragen stellen konnte.

Was für Fragen zum Beispiel?
Ich habe das Glück, mir Kriegssituationen einfach nicht vorstellen zu können. Ich habe gefragt: ‚Woran hast du gemerkt, dass du deine Heimat verlassen musst? Und was hast du dann gemacht? Bist du ins Haus gegangen und hast einen Rucksack gepackt? Oder einen Koffer? Oder zwei Koffer? Und wo bist du dann hingegangen? Gelaufen? Mit dem Bus gefahren?’ Solche ganz kindlichen Fragen.

Während deiner Arbeit im Flüchtlingszentrum Mertensstraße hast du die Grundlagen für das Programm Kompass entwickelt, wie kam es dazu?
In meinem ersten Monat dort haben Annika Päutz und Kevin Green ein Motivations-Coaching angeboten. Das hat mich begeistert und ich dachte: Coaching für Geflüchtete ist genau das, was es geben sollte!

Das Coaching-Projekt Kompass
Kraft und Zuversicht im Körper spüren: Kompass-Coaching

 

Warum?
Beim Coaching geht es darum, sich auf seine eigenen Stärken zu besinnen. Sich zu fragen: Was kann ich und wie bringe ich das in die Welt? Geflüchtete bekommen ja oft leider eher vermittelt: Ihr könnt gar nichts. Das führt zu Frustration und Lethargie. Wer sich fähig und stark fühlt, ist auch motiviert.

Inwieweit unterscheidet sich Coaching für Geflüchtete von Coaching für Nicht-Geflüchtete?Eigentlich gar nicht. Es geht für uns alle darum, mit dem Gefühl in Berührung zu kommen: Ich bin richtig und ich habe etwas beizutragen. Ich glaube, dass viele Probleme auf der Welt gelöst werden könnten, wenn Menschen mit sich selbst ins Reine kommen.

Kompass ist ein Coaching-Programm für Geflüchtete, das Anna Homann im Auftrag der NGO IsraAid Germany e.V. entwickelt hat und umsetzt. In einem 4-6-monatigen Prozess werden Geflüchtete darin unterstützt, sich ihrer Stärken und Fähigkeiten bewusst zu werden und Projekte zu entwickeln, mit denen sie einen gesellschaftlichen Beitrag leisten möchten. Im Anschluss besteht für die Geflüchteten die Chance, von IsraAid angestellt und mit der Umsetzung ihrer Projekte betraut zu werden. Zurzeit arbeiten sieben Geflüchtete für das Kompass-Programm, die Projekte reichen von einem Frauenprojekt in einer Unterkunft, über die Betreuung einer Obdachlosenküche bis hin zu regelmäßigen Besuchen in Altersheimen.

 

 Wie ging es weiter?
Als sich abzeichnete, dass die Unterkunft  2018 geschlossen werden würde, habe ich ein Konzept geschrieben und ein Businessmodell, um zu ermitteln, wie genau das Programm aussehen könnte, wie viel Geld ich brauchen würde usw.

Was unterscheidet das Kompass-Programm von herkömmlichen Hilfsangeboten?
Wir bezeichnen es nicht als Hilfsangebot. In klassischen Hilfsangeboten gibt es immer ein Machtgefälle – der Hilfsbedürftige ist dem Helfenden unterlegen. Uns geht es darum, einen Raum zu öffnen und zu halten, in dem Menschen ermächtigt werden.

Was bedeutet das?
Zunächst einmal zu fragen: ‚Wie geht es Dir? Erzähl doch mal!’ Ich habe festgestellt, dass diese simple Frage einen Riesenunterschied macht.

Warum glaubst du ist das so?
Weil sie deutlich macht: ‚Wir glauben nicht, dass wir besser wissen als du, was gut für dich ist. Wir möchten dazu beitragen, dass du deine eigenen Stärken erfährst, deine eigenen Visionen entwickelst’.

Was sind dabei die Herausforderungen?
Der Prozess ist sehr ergebnisoffen, man muss die Ungewissheit aushalten. Es ist nicht so einfach wie zu sagen: ‚Wenn du zu uns kommst, lernst du in zwei Wochen, wie du eine Bewerbung schreibst’. Es braucht schone eine gewisse Motivation und Eigenverantwortung, die Menschen, die schwer traumatisiert sind, oft nicht aufbringen können.

Was sind deiner Ansicht nach die größten Schwierigkeiten bei der Integration von Geflüchteten?
Die unterschiedlichen Kommunikationskulturen – Es wird so viel missverstanden auf allen Seiten! Ich habe es gerade erlebt, dass eine Mitarbeiterin sich wochenlang kaum noch gemeldet und auf Anfragen pampig reagiert hat. Ich dachte: ‚Was für eine arrogante Ziege!’ Dann habe ich in einem persönlichen Gespräch herausgefunden, dass es ihr total schlecht ging.
Wir haben Mitarbeiter aus dem Irak, aus Eritrea, Tansania und Syrien – überall gibt es andere Regeln, wie man miteinander umgeht und spricht. Da musst du als Arbeitgeber schon sehr gewillt sein, dass das funktioniert.

Gibt es etwas, das wir fordern müssen?
Die Verbindlichkeit von Terminen zum Beispiel. Bei allem Verständnis ist es ok zu sagen: ‚Hier in Deutschland läuft Arbeitsleben so und so ab. Wenn du es hier schaffen willst, musst du dich daran halten’. Das jemandem, nur weil er geflüchtet ist nicht zu sagen, finde ich sogar gemein.

Wer in einem Beruf arbeitet, in dem er ständig mit dem Leid anderer Menschen konfrontiert ist, bekommt meist den Rat, sich gut abzugrenzen, wie siehst du das?
Wenn ich mich anfangen würde, mich abzugrenzen, könnte ich meine Arbeit nicht mehr machen. Ich will keine Mauer errichten, durch die meine Gefühle, meine Zuneigung nicht mehr durchkommen. Meine Strategie, mit Schmerz und Leid umzugehen, ist, durchlässiger zu werden. Alles, was ich geben möchte, darf raus und alles, was Leute geben, darf zu mir kommen – aber ich muss es nicht festhalten.

Was motiviert dich?
Ich möchte dazu beitragen, dass die Welt besser wird. Ich möchte Leuten, die sagen: ‚Das mit den ganzen Flüchtlingen geht nicht’ beweisen, dass es doch geht.
Und ich möchte kleine „Funken sprühen“, mit denen andere ihr Feuer entfachen können. Ich glaube, dass ich oft bei Menschen das sehen kann, was sie selber nicht sehen. Und oft reicht ein Anstoß und es kommt bei ihnen etwas in Gang.

Und was macht dich glücklich?
Das Strahlen in den Augen von Menschen, die gerade etwas bei sich entdeckt haben.  Und die Gemeinschaft. Im Sommer habe ich ein Picknick im Park organisiert, bei dem viele unterschiedliche Leute zusammen gekommen sind. Ich lag auf der Decke und mir wurde bewusst, dass ich den Raum für diese Begegnung geschaffen habe, indem ich alle eingeladen habe. Dass ich aber in diesem Moment gar nichts mehr tun muss. Ich blinzelte in die Sonne, umgeben von fröhlichen Menschen. Das war ein großes Glücksgefühl.

http://www.annahomann.de

 

 

 

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