„Das Glück ist eine neue Idee in Europa“

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Kollage Französische Revolution

Gottesgeschenk oder Genuss – Die Vorstellung davon, was Glück ist, hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Eine Einführung in die Geschichte des Glücksbegriffs.
Lottogewinn, schönes Wetter zur Gartenparty, ein Stück Schokoladenkuchen, ein Kind, eine sinnvolle Aufgabe – Glück kann Vieles sein. Es kann für jeden etwas anderes ein, aber einig sind wir uns alle: wir wollen es. Glück ist uns wichtig und die Frage, wie es zur erreichen sei, hat die Menschen von jeher beschäftigt.

Noch bis vor gar nicht allzu langer Zeit allerdings – etwa bis ins 18 Jahrhundert – war Glück etwas, das das Schicksal oder ein gütiger Gott einem zuteil werden ließen und nichts, dass man irgendwie erreichen konnte oder auf dass man gar ein Recht hatte. Besonders gut kann man das am englischen Wort „Happiness“ ablesen – „what happens to us“ ist das, was uns zustößt. Immerhin kann man im Englischen „Luck“ und „Happiness“ unterscheiden, wohingegen wir im Deutschen nur ein Wort haben, das das Ersehnte als etwas erscheinen lässt, was einem zufällig widerfährt – wenn man Glück hat eben.

Das Nachdenken über das Glück ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Vor 2500 Jahren formulierte der griechische Philosoph Aristotels in seiner Nikomachischen Ethik das Glück als das Ziel menschlichen Lebens. Um es zu erreichen, galt es seiner Meinung nach, charakterliche und verstandesmäßige Tugenden auszubilden und Mäßigung zu üben im Umgang mit Begierden und Emotionen. Glück ist für Aristoteles „ein tugendhaft gelebtes Leben.“

Eine ähnlich überpersönliche Vorstellung entwickelte etwa zweitgleich mit seinem griechischen Kollegen der chinesische Philosoph Konfuzius. Wer glücklich werden will, braucht „Ren“ – Mitmenschlichkeit. Wer Ren hat, bringt das Gute in anderen zur Erfüllung.

Es geht in diesen Vorstellungen nicht um Spaß und Wohlfühl-Momente, sondern um ein Leben, von dem man, wenn es nach bestimmten Grundsätzen geführt wurde, rückblickend sagen kann, dass es ein glückliches war. Aristoteles war überzeugt, dass zu einem solchen Leben nur wenige befähigt waren. Die Griechen mögen die Demokratie erfunden haben, Glück war in ihrer Vorstellung den „happy few“ vorbehalten.

Im Christentum wurde das Glück sogar noch unwahrscheinlicher – zumal hier auf Erden. Das goldene Zeitalter war durch den Sündenfall verspielt, und das Glück erst wieder im Himmel zu erwarten, sofern man sich hinieden nicht allzu viel zu Schulden kommen ließ.

Erst im 18. Jahrhundert wurde gegen diese demütige Vorstellung vom Glück aufbegehrt. Im Standradwerk der Aufklärung, der von Denis Diderot herausgegebenen Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers wird zum Thema Glück die Forderung formuliert, dass jeder das Recht habe glücklich zu sein und dass das Streben nach Glück zur natürlichen Ausstattung jedes Menschen gehöre. So ungewohnt war diese Vorstellung, dass der französische Revolutionär Louis-Antoine-Léon de Saint-Just 1794 erklärte: „Das Glück ist eine neue Idee in Europa“

Sie verbreitete sich schnell, hatte sie doch etwas sehr befreiendes und hoffnungsvolles. Zum ersten Mal in der Geschichte wagte eine große Zahl von Menschen (auch wenn es sich zunächst hauptsächlich um weiße Männer handelte) zu glauben, dass lebenslanges Leiden, von wenigen lichten Momenten unterbrochen, vielleicht kein unabwendbares Schicksal ist. Und dass es völlig in Ordnung ist, auf dieser Erde eine gute Zeit zu haben.

Die englischen Philosophen John Stuart Mill und Jeremy Bentham entwickelten diesen Gedanken zu einer allgemeingültigen utilitaristischen Ethik weiter, deren Grundforderung lautete: „Handle so, dass das größtmögliche Maß an Glück entsteht!“ Das größtmögliche Glück für alle, wohlgemerkt.

Die Jagd auf das Glück war eröffnet. Die neue Auffassung vom Glück für alle hat nämlich auch ihre Schattenseite. Wenn Glück etwas ist, auf das ich ein angeborenes Recht habe, bedeutet das, dass ich auch glücklich sein sollte und dass etwas mit mir nicht stimmt, wenn ich es nicht bin. Ich muss mich anstrengen. Denn jetzt teilen ja nicht mehr die Götter das Glück nach Ermessen zu, sondern es ist irgendwo da draußen, verfügbar für jeden, der willens und in der Lage ist, es zu ergreifen. Die Verantwortung für das eigene Glück kann eine ganz schöne Last sein, die der Historiker Darrin McMahon, der zur Geschichte des Glücks forscht, „das Unglück darüber, nicht glücklich zu sein“ nennt.
Ein merkwürdiges Paradox, das John Stuart Mill einmal so formuliert hat: „Frage dich, ob du glücklich bist und du wirst aufhören es zu sein.“

Kollage Saint-Just

 

 

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