Vom Hochgefühl vorübergehenden Fremdseins

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„Reisen ist eine Brutalität. Es zwingt einen, all dem gewohnten Trost von Heim und Freunden zu entsagen. Man ist dauernd aus dem Lot“, hat der italienische Schriftsteller Cesare Pavese gesagt. Diesen Satz denke ich, wenn ich nervös wach liege in der Nacht vor der Abreise. Wie schön und richtig es doch ist, denke ich weiter, in einem vertrauten Bett zu schlafen, ein Dach über dem Kopf zu haben, einen freundlichen Ort. Eine wesentliche Erkenntnis, die das Reisen bringen kann, erfahre ich also regelmäßig schon, bevor ich überhaupt losgefahren bin: wie wunderbar es ist, ein Zuhause zu haben. In wirren Halbschlafgedanken scheint mir, dass es ohne Not zu verlassen die Götter gegen mich aufbringen könnte. „Wenn du es so wenig schätzt“, könnten die Götter sagen, „scheint es dir ja nicht allzuviel zu bedeuten.“ Das Unbehagen steigert sich meist noch, wenn ich am Ort meiner Wahl angekommen bin, ob er nun viele Zeitzonen oder nur eine Flugstunde entfernt liegt. Spätestens wenn die Dämmerung kommt, erfüllt mich ein Unwohlsein, dass sich bis zur Panik steigern kann: Was um Himmels willen habe ich mir dabei gedacht, was soll ich hier? Selbst Fünf-Sterne-Hotels können den Horror des Ausgesetztseins kaum abmildern. Egal wie schön die Sonne im Meer versinkt, der milde Abendhauch den Jasminduft herüberweht – das Gefühl der Verlorenheit trifft mich unweigerlich und mit existenzieller Wucht.

Und doch gehört das Reisen zum Schönsten, das ich mir vorstellen kann. Und nach einer Weile im Alltag erwacht die Sehnsucht nach fernen Orten, der Wunsch aufzubrechen.

In meiner Kindheit hieß reisen meist, über den Brenner fahren und es gehört zu meinen schönsten Erinnerungen, wie beim Hinunterfahren vom Pass die Landschaft allmählich sanfter wurde und im Radio krachend die ersten italienischen Sender zu hören waren. Meine Mutter packte uns ins Auto, wir fuhren los und wenn es Abend wurde, suchten wir uns irgendwo ein Zimmer. So war das damals, ohne Internetrecherche und Airbnb. Man wusste tatsächlich morgens nicht, wo man abends sein würde. Die Betten waren oft unbequem, wir wurden von Mücken zerstochen und wussten am nächsten Tag nicht mehr, wo wir das Auto geparkt hatten. Aber das Eis auf der Piazza, die Kokosnuss-Stückchen oder winzigen Glastiere für 400 Lire vom Straßenstand und vor allem der wunderschöne Klang der fremden Sprache erfüllten mich mit wohligem Prickeln.

Und schon damals wurde ich süchtig nach diesem Gefühl intensiven Lebendigseins, das mich auf Reisen erfüllt. Die Fremde – gesteigert durch das Gefühl der Ängstlichkeit und Überempfindlichkeit – schärft die Sinne. Bilder, Klänge und Gerüche strömen in mich ein, als hätte ich nie zuvor etwas richtig gesehen, gehört, gerochen. Wenn ich die Schutzschicht des Vertrauten abgelöst habe – was in meinem Fall niemals sanft passiert, sondern schmerzhaft wie das Abreißen eines Pflasters – bin ich bereit für die Wunder.
HeavenHoliday

Mein Inneres saugt die Eindrücke auf, weil ich nichts weiß, nichts kenne. Und es macht ihnen Platz. Das intensive Geruchsgemisch aus Räucherstäbchen, verbranntem Plastikmüll und Curry bei meiner ersten Ankunft in Rishikesh; die Art wie das Sonnenlicht die Bahnhofshalle von Siena erfüllt hat und das alte Holz der Bänke zum Leuchten bringt. Der Klang der Kirchturmuhr in Piran während des langsamen Verstreichens einer schlaflosen Nacht. Das Warten auf dem weich gefederten Rücksitz in der Schlange an einer kalifornischen Tankstelle im Ölkrisensommer 1979, während im Radio ‚Daniel‘ von Elton John läuft. Flüchtige Momente, mit geschärfter Reise-Aufmerksamkeit erlebt, nehmen in meiner Erinnerung mehr Raum ein als ein paar Jahre Alltag. Kostbarkeiten, die mein Leben bereichern wie ein vom Meer perfekt abgeschliffenes Stück buntes Glas.

Uhren

Dann: das Angewiesensein auf die Güte von Fremden. Für einen schüchternen Menschen wie mich eigentlich undenkbar, und, wenn es vorkommt, umso beglückender.
Insbesondere in den Zeiten vor Mobiltelefon und Internet war es tatsächlich möglich, verloren zu gehen und keine Wahl zu haben, als irgendjemanden um Hilfe zu bitten.
Durch eine Serie von Mißverständnissen im nordfranzösischen Lille gestrandet – den letzten Zug nach Paris versäumt – irrte ich durch die Stadt auf der Suche nach der Wohnung einer Frau, die ich erst einmal zuvor gesehen habe. Mir fällt einfach nichts anderes ein, wenn ich nicht alleine auf dem Bahnhof übernachten will. Sie ist zuhause, lässt mich herein und es wird eine der lustigsten Nächte meines Lebens.
So schön es ist, mit geliebten Menschen zu verreisen, so großartig ist das Alleinsein. Weil es die Möglichkeit bietet, für eine Weile nicht nur anderswo, sondern auch jemand anderes zu sein, so wie man immer ein wenig ein anderer Mensch wird, wenn man eine fremde Sprache spricht. Es ist nie so leicht wie auf Reisen, sich dem Hochgefühl hinzugeben, dass alles möglich ist. Wir brauchen das gelegentlich. Weil es doch im Grunde unfassbar ist, dass wir aus der überbordenden Fülle möglicher Leben dieses eine zu wählen haben. Und dass jede Wahl – so gut sie auch sein mag – immer bedeutet, unzählige Möglichkeiten zurückzuweisen.

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