Die Retterin der Kinder

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Prabhavati Dwabha leitet das Waisenhaus Ramanas Garden in Rishikesh, das Kindern Zuflucht bietet, die von Sklaverei und Prostitution bedroht sind

1952 in Marvel, Colorado mitten im damals noch recht wilden Westen geboren, wuchs Prabhavati Dwabha auf der Farm ihrer Großeltern auf und träumte davon ein Filmstar zu werden. Nach einem abenteuerlichen Ausflug nach Hollywood studierte sie ihrer Mutter zuliebe Medizin. 1978 zog sie nach Pune, wo sie 18 Jahre lang in Oshos Ashram lebte und vielen spirituellen Meistern begegnete. Einer von ihnen – Harivansh Lal Poonja, genannt Papaji – empfahl ihr ein Jahr lang in einer Berghöhle am Ufer des Ganges zu leben, um von dem heiligen Fluss zu lernen. In diesem Jahr wurde ihr klar, dass es ihre Aufgabe im Leben ist, Kindern zu helfen. … gründete sie das Waisenhaus Ramanas Garden in Rishikesh. Obwohl sie permanent gegen Geldnot, Korruption und die Zerstörung der Umwelt kämpft und ohne jeden westlichen Komfort lebt, bezeichnet sie sich selbst eine glückliche Frau. Sie praktiziert seit vielen Jahren Yoga und Meditation und ist der Meinung, dass jede spirituelle Praxis nur ein sinnvolles Ziel hat: anderen zu helfen.

Prabhavati, Kinder stehen im Zentrum Deines Lebens, wie war Deine eigene Kindheit?
Mein Vater verschwand als ich 18 Monate alt war und ich lebte mit meiner Mutter auf der Farm ihrer Eltern. Die schönsten Kindheitserinnerungen sind die an meine Großmutter Amanda. Wir haben gemeinsam Brot gebacken, einen Gemüsegarten angelegt und Lämmer auf die Welt gebracht. Die Schwierigkeiten begannen, als meine Großeltern starben und meine Mutter den Handelsposten in Durango, einem winzigen Cowboy-Kaff, übernahm. Wir wurden als katholische Iren ziemlich angefeindet. Ich wurde sogar als Hexe verschrien, weil ich an Elfen, Feen und Geister glaubte, die in Bäumen und Blumen lebten, so wie meine Großmutter es mir beigebracht hatte.

Was hat Dich geprägt?
Die stärksten Eindrücke empfing ich von den indianischen Familien aus dem nahegelegenen Reservat, mit denen ich mich anfreundete. Als ich neun Jahre alt war, wurden die Wasserrechte des Reservats an den kalifornischen Staat verkauft, der das Wasser abzog, um die Besiedlung des San Fernando Valleys voranzutreiben. Gemeinsam mit den Indianern sah ich, wie die Felder vertrockneten und die Tiere starben. Es brach mir das Herz dem Ruin dieser schönen starken Menschen zuzusehen. Kurz danach begann der Vietnamkrieg, in dem viele meiner Kindheitsfreunde getötet wurden. Ich ging auf die Straße, protestierte und verbrannte in Berkley meinen BH. Irgendwann gab ich auf und ging nach Europa und beschloss, nie mehr in die USA zurückzukehren.

Du hast aber dann doch getan?
Ja, ich war fest entschlossen, ein großer Filmstar zu werden und das bedeutete Hollywood. Ich machte einen Deal mit meiner Mutter, die unbedingt wollte, dass ich Ärztin werde: Ich würde ein Jahr nach Hollywood gehen und wenn ich es in dem einen Jahr nicht schaffte, ein Star zu werden, Medizin studieren.

Bist Du nach Hollywood gegangen?
Ja, ich bin hingefahren und habe eine Annonce in die Zeitung gesetzt, in der ich Mithilfe im Haushalt im Austausch gegen Kost und Logis anbot – ich habe ziemlich obskure Angebote bekommen …

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Wie ging es aus?
Ich habe schließlich Medizin studiert …

Eine Karriere als Filmstar scheint Deiner jetzigen „Karriere“ diametral entgegengesetzt, gibt
es für Sie Gemeinsamkeiten der beiden Träume?
Magie. In meiner Liebe zur Schauspielerei ging es um die Magie, die man durch Kreativität erzeugen kann. Für mich dreht sich alles um die Magie der Kreativität. Sie ist das Rückgrat all dessen, was hier in Ramanas Garden passiert.

1978 bist Du nach Indien gegangen, warum?
Ich hatte das Gefühl, dem Ruf meines Herzens zu folgen. Mein Leben lang hatte ich nach dem Never-Land aus meiner Lieblingsgeschichte Peter Pan gesucht, nach einem Ort, an dem Menschen frei sind, ihren individuellen Weg der Erfüllung zu gehen. Östliche Meister versprachen einen Seins-Zustand, der harmonisch und friedlich war unabhängig von äußeren Umständen. Das hat mich sehr angesprochen.

Wie waren Deine Erfahrungen?
Ich habe Himmel und Hölle erlebt und alles was dazwischen liegt, aber vor allem habe ich eine tiefe Liebe für Indien und seine Menschen empfunden. Ich hatte das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.

Und beschlossen, für immer zu bleiben?
Nicht sofort, nach einiger Zeit bin ich in die USA zurückgegangen und fühlte mich wie ein Alien. Ich habe Indien so sehr vermisst! Ich habe die offenen Herzen und das offene Lächeln vermisst, all die Farbe, das Chaos und den Wahnsinn der Indien bedeutet. Das wusste ich, dass Indien meine Heimat ist. Ich habe meinen indischen Namen ganz bewusst ausgewählt: er bedeutet „göttliches Chaos“.

Hast Du als Ärztin gearbeitet?
Nein, nicht im westlichen Sinne. Ich habe gelernt, alles zu vergessen, was ich über Medizin zu wissen glaubte und eine Heilerin zu werden. Ich habe viel Karma-Yoga gemacht, jede Aufgabe, die in einer Gemeinschaft anfällt vom Kloputzen über Kochen bis zu Lastwagenfahren.

Du hast mit vielen spirituellen Meistern gelebt?
Ja, zunächst mit Osho, dann mit Krishna Murti, mit Papaji und seinen Nachfolgern Siddhi Ma und Amma Ji.

Papaji war es auch, der Dir geraten hat, als Einsiedlerin in einer Höhle im Himalaya zu leben?Ja, er hat mir gesagt, ich müsse ein Jahr in Stille an den Ufern des Ganges leben, um die Lehren des Flusses zu verstehen.

Eine für einen europäischen Stadtbewohner kaum vorstellbare Erfahrung, wie war es?
Am Anfang war es unglaublich schwer. Ich habe den gewohnten Komfort sehr vermisst. Aber schneller, als ich es mir hätte vorstellen können wurde es ganz leicht und zutiefst befriedigend, mich nur um die einfachsten Bedürfnisse zu kümmern: Wasser holen, Holz sammeln, Nahrung pflanzen und zubereiten.

Warst Du immer allein?
Bis auf die Kinder, die aus den nahe gelegenen Dörfern kamen. Sie brachten mir auch regelmäßig Milch und Käse. Da begann meine Arbeit mit Kindern.

Was hat der Fluss Sie gelehrt?
Ich habe viel Zeit damit verbracht, einfach am Ufer zu sitzen und ins Wasser zu schauen, zuzuhören, zu meditieren. Die wichtigste Lehre, die ich erfahren habe, war die Vergänglichkeit von allem, der ständige Fluss. Du kannst deinen Fuß nicht zweimal in den selben Fluss tauchen. Jeder Moment vergeht um Platz zu schaffen für das Jetzt. Selbst als der Fluss meine Höhle geflutet hat und alles zerstört hat, was ich besaß war das nur eine weitere Lektion Vergänglichkeit zu akzeptieren.

Was ist passiert?
Eines Tages als ich unterwegs war, trat der Fluss, der durch den Monsun Regen Hochwasser hatte, über die Ufer und schwemmte all meinen irdischen Besitz weg, meinen Pass, mein Geld, meine ganze Identität. Die Dorfbewohner taten sich zusammen und bauten mir innerhalb weniger Stunden eine Hütte, die sie mit Dingen aus ihren Häusern ausstatteten. Als wir dann später am Feuer zusammen saßen, diese Menschen, die selbst so wenig hatten, ihr Essen und ihr Lachen mit mir teilten und ich ihre Gesichter voller Freundlichkeit und Liebe sah, beschloss ich, etwas zu tun, um die Zukunft ihrer Kinder zu verbessern.

Das Kinderheim zu gründen?
Ich fing mit einer Schule und einer medizinischen Notaufnahme an. Über die Jahre wurden immer mehr Kinder einfach vor meiner Tür abgelegt, so dass ich schließlich Ramanas Garden eröffnete.

Wie hast du das finanziert?
Ich habe alle Freunde angerufen, gebettelt, eine zeitlang in Japan als Heilerin gearbeitet, um Geld zu verdienen.

Wer war das erste Kind, das Du aufgenommen hast?
Ein neun Jahre alter Junge namens Shankar, seinen Eltern waren beide an Gelbfieber gestorben. Er hatte nie viel Interesse an Schule, aber er hat 11 Jahre lang sehr erfolgreich unsere Küche gemanagt. Heute tut er das in einem anderen Heim in Nepal, wo er herstammt.

Wie viele Kinder leben in Ramanas Garden?
Heute sind es 65, 20 sind inzwischen erwachsen.

Wie kommen die Kinder zu Dir?
Die meisten bringt uns die Polizei, weil wir eigentlich überfüllt sind. Das heißt, es sind Kinder, deren Eltern getötet wurden oder die sich gegenseitig umgebracht haben. Wir nehmen nur Kinder, von denen wir fürchten müssen, dass sie den nächsten Tag nicht überleben, wenn wir sie nicht aufnehmen. Zum Beispiel haben wir viele nepalesische Mädchen aufgenommen, als die maoistische Guerilla dort an die Macht kam. Die Mädchen dort waren hochgradig gefährdet, tausende wurden über die Grenzen in die Prostitution verkauft.

Ist es nicht sehr gefährlich, diese Mädchen zu holen?
Ja, so gefährlich, dass wir damit aufhören mussten.

Warum vertrauen die Kinder Dir?
Aus dem gleiche Grund, aus dem alle Kinder, die hier herkommen sich sicher und wohl fühlen: sie spüren die Liebe, die ihnen hier entgegen gebracht wird.

Was können sie den Kindern geben?
Bei uns erfahren sie, dass sie einzigartige göttliche Wesen sind. Wir helfen ihnen die Fülle zu erleben, selbst wenn wir äußerlich wenig haben, die Fülle und den Luxus der Kreativität.

Ramanas bekommt keine finanzielle Unterstützung durch die indische Regierung, auch wenn Du einigen Kindern helfen kannst, gibt es immer noch endlos viele, die Du nicht retten können, woher nimmst Du die Kraft?
Aus den Wundern, die ich jeden Tag erleben darf, wenn ich sehe, wie diese Kinder, die alles verloren haben, sich vom Leben alles wieder zurück holen.

Du lebst in Rishikesh, der „Welthauptstadt des Yoga“ und Ziel für viele Sinnsucher. Was hältst Du von all den westlichen Menschen, die dorthin reisen in der Hoffnung, den Schlüssel zu einem glücklichen Leben zu finden?
Viele Meister haben gesagt: „In dem Moment, in dem du einen Fuß auf indischen Boden setzt, trittst du in die Fußstapfen der Buddhas“. Ich glaube, dass das stimmt. Dennoch ist für mich nicht leicht, zuzusehen, wie Rishikesh immer touristischer wird, weil damit die Zerstörung der Natur einhergeht, insbesondere des Ganges.

Was können wir dagegen tun?
Darüber denke ich ständig nach, wenn ich all diese Zerstörung in der Welt beobachte. Diese Zerstörung ist so offensichtlich die Folge davon, dass sich Einzelne nicht mehr als Teil des Ganzen empfinden. Nur wer nicht begreift, dass er selbst Teil der Natur ist, ist fähig sie so nachhaltig zu zerstören. Ich versuche die Kinder zu inspirieren, sich für eine Welt einzusetzen, in der Ganzheit der Normalzustand ist.

Wie machst Du das?
Indem ich sie Mitgefühl lehre. Sie lehre, sich selbst und andere zu lieben als Manifestationen des Göttlichen auf dieser Erde.

Was rätst Du Menschen, die auf der Such nach mehr Glück und Sinn in ihrem Leben sind?
Öffnet die Augen und die Herzen für all jene, die euch umgeben. Erlebt sie als Teil von euch. Sperrt euch nicht in eure Komfort-Zonen einen. Da draußen wartet so viel mehr auf euch:

Es geht im Leben nicht darum, darauf zu warten, dass der Sturm vorüber zieht, sondern darum, zu lernen, im Regen zu tanzen!

http://www.sayyesnow.org

 

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