Die Vermessung des Glücks

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Kollage Baby mit Wartenummer

Ich werde freundlich aufgefordert, auf einer Skala von 1 (überhaupt nicht) bis 10 (sehr) anzugeben, ob meine Gefühle in den letzten Tagen denen auf dem Bild gezeigten entsprochen haben. Der „Weekly Check-In“ ist Teil meines Fernstudiums „Science of Happiness“ an der UC Berkeley. Damit soll ermittelt – und mir vor Augen geführt –werden, wie sich mein Befinden durch die Beschäftigung mit dem Glück und vor allem durch die vorgeschlagenen Übungen verändert. So weit, so klar.

Chek in

In der Praxis gestaltet sich das Ganze allerdings schwierig. Ich kann nämlich nicht so recht deuten, welche Emotion die Illustration zeigt. Überbordende Fröhlichkeit? Großer Spaß? Oder hysterisches Lachen kurz vor dem Nervenzusammenbruch?

Was uns zur grundlegenden Frage dieses Textes führt: Wie misst man Glück?

In den letzten Jahren hat das Glück als Gegenstand der Wissenschaft Karriere gemacht. Lange genug hat es gedauert. Während nämlich seine Widersacher – Depression, Angst, Wut oder Aggression – seit langer Zeit psychologisch, biologisch und soziologisch erforscht werden, hat die Frage, was Glück ist, die Forschung lange nicht sonderlich interessiert.

„Vor 15 Jahren“, sagt der Psychologe Dacher Keltner, Leiter des Science of Happiness-Studiengangs, „gab es hunderte von Studien über Wut, aber keine über Dankbarkeit. Es gab hunderte von Studien über Angst, aber keine über Mitgefühl. Wir wussten viel darüber, warum sich Leute scheiden lassen, aber kaum etwas darüber, wie sie glücklich miteinander leben.“ Erstaunlicherweise wurde also lange Zeit eine elementare wissenschaftliche Frage über die menschliche Natur nicht gestellt.
Einer der ersten, der sie stellte, war der amerikanische Psychologe Martin Seligman, der heute als Begründer der sogenannten positiven Psychologie gilt.
Um Methoden zu entwickeln, das Glück zu messen, muss man natürlich zunächst festlegen, was genau mit dem Begriff gemeint ist.
Wovon Wissenschaftler reden, wenn sie vom Glück reden:

Die Lebenszufriedenheit:
Das Maß, in dem jemand sein Leben im Allgemeinen als gut und lebenswert bewertet. Um die Lebenszufriedenheit zu messen, verwenden Wissenschaftler meist den Lebenszufriedenheits-Fragebogen, den Ed Diener von der Universität Illinois entwickelt hat. http://internal.psychology.illinois.edu/~ediener/SWLS.html

Positive Affekte: Hiermit ist die Erfahrung positiver Emotionen wie Freude, Liebe, Fröhlichkeit etc. gemeint. Positive Affekte sind ein wichtiger Bestandteil des Glücks und werden manchmal mit dem Glücksgefühl gleichgesetzt. Es handelt sich bei positiven Affekten aber um vorübergehende emotionale Zustände und nicht um einen anhaltenden Seinszustand.

Genuss: Angenehme Sinneserfahrungen

Zusammengenommen wird Glück in der Wissenschaft als subjektives Wohlbefinden definiert, das sich aus allgemeiner Lebenszufriedenheit und aktuellen positiven Gefühlen zusammensetzt.
Entscheidend ist hier das Attribut „subjektiv“. Anders als etwa die Körpertemperatur recht zuverlässig mit einem Thermometer gemessen werden kann, ist der Forscher beim Messen des Glücks auf subjektive Einschätzung einzelner Menschen angewiesen. Und die unterliegt verschiedenen Variablen, wie der Wirtschaftsnobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahneman ausführlich erforscht und beschrieben hat.
Wenn Menschen beispielsweise direkt nach bestimmten Ereignissen gebeten werden, diese als glücklich oder unglücklich zu bewerten, beurteilen sie ihre Erfahrung anders als wenn das Ereignis länger zurückliegt. Auch die direkten Umstände der Befragung spielen eine Rolle. Wenn also mein Sohn mir, kurz bevor ich die Fragen des Weekly Check-In beantworte, eine wirklich guten Witz erzählt, werde ich vermutlich meine ganze Woche rückwirkend als glücklicher bewerten.
Der Psychologe Norbert Schwarz machte 1983 ein lustiges Experiment: Er bat die Probanden einer Studie, bevor sie einen Fragebogen zu ihrer Lebenszufriedenheit ausfüllten, eine Kopie des Dokuments zu machen. Die Hälfte der Probanden fand dabei scheinbar zufällig ein Geldstück auf dem Kopierer, die andere Hälfte nicht. Die Gruppe, die den glücklichen Fund gemacht hatte, bewertete ihre Lebenszufriedenheit als deutlich besser als die andere.
Auch kulturelle Unterschiede spielen sicherlich eine Rolle. Wer als Europäer das erste Mal auf Amerikaner trifft, staunt oft über deren Überschwang, über ihre Bereitschaft, etwas uneingeschränkt großartig zu finden. Ich bin in Wien geboren, wo die Menschen grundsätzlich eine leicht ironisierte Übellaunigkeit pflegen. Ich bin nicht sicher, ob die Menschen dort tatsächlich unglücklicher sind oder ob sie es nur einfach unkultiviert finden, sich als glücklich zu bezeichnen. Möglicherweise liegt es also an meinen kulturellen Wurzeln, jedenfalls käme ich nicht auf die Idee, mein Empfinden auf einer Skala von 1-10 mit 10 zu bewerten.
Was sagt die Bewertung über die Empfindung aus? Ist jemand, der zu positivem Überschwang neigt, glücklicher als jemand, der eher zurückhaltend ist?
Und warum, wenn die Ergebnisse doch eher ungenau sind, macht man sich überhaupt die Mühe, sie zu erheben? Weil Glück doch eine recht gute Sache zu sein scheint. Menschen, die sich selbst als glücklich bezeichnen, sind gesünder, leben länger, sind erfolgreicher im Beruf und häufiger sozial engagiert.
Es ist daher durch aus sinnvoll, herauszufinden, unter welchen Umständen Menschen glücklich sind. Die meisten von uns wissen das nämlich gar nicht so genau, wir liegen mit unseren Einschätzungen oft falsch – viel Geld und ein toller Job beispielsweise haben gar nicht so einen großen Einfluss wie wir glauben.
Den direkten Zusammenhang von bestimmten Alltagsaktivitäten und dem Wohlbefinden zu ermitteln, hat sich Matt Killingsworth vorgenommen. Mit der umfassendsten Befragung zum Thema Glück, die es je gab. Als Teil seiner Doktorarbeit in Harvard entwickelte er die App Trackyourhappiness. http://www.trackyourhappiness.org
Wer sich die App herunterlädt und als Proband anmeldet, wird mehrfach am Tag angepiept und ausführlich befragt, was er gerade tut und denkt und wie er sich fühlt. Über 650.000 Datensätze hat Killingsworth erhoben und ausgewertet, teilgenommen haben Menschen zwischen 18 und 80 Jahren, aus 80 Ländern und unterschiedlichsten sozialen Schichten. Die wichtigste Erkenntnis seiner Studie ist das, was Buddhisten seit Jahrhunderten lehren: das Glück liegt im Augenblick. Je weniger unsere Gedanken von dem abschweifen, was wir gerade tun – selbst wenn das etwas sehr Langweiliges ist – desto glücklicher fühlen wir uns.

 

 

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