Zwischen den Jahren

Schreibe einen Kommentar
Gruppe Abiturienten auf dem Abi-Ball

Vier junge Männer sprechen über das Erwachsenwerden, Lebensentscheidungen und das Glück

Foto: Bettina Homann
Maxime

Maxime, 20, hat im November seine Lehre zum Veranstaltungskaufmann abgebrochen und möchte im Sommersemester mit dem Studium der Asien- und Afrikawissenschaften an der Humboldt Universität Berlin beginnen.

Foto: Bettina Homann
Maurice

Maurice, 20, hat eine Ausbildung zum Erlebnispädagogen gemacht und studiert an der Universität Potsdam im ersten Semester Mathematik und Ethik auf Lehramt. Im nächsten Semester möchte er Ethik durch Sport ersetzen.

Foto: Bettina Homann
Juan und Nik

Juan, 19, hat im vergangenen Jahr verschiedene künstlerische Projekte realisiert und möchte sich demnächst in Berlin, Hamburg und Wien für ein Kunststudium bewerben.

Nik, 20, ist sieben Monate durch Südostasien gereist und studiert im ersten Semester Volkswirtschaft an der Freien Universität Berlin.

Ihr seid jetzt in einer Phase, um die ältere Leute Euch beneiden. Ihr habt die Schule hinter Euch, tragt noch keine große Verantwortung, das Leben liegt vor Euch. Wie fühlt sich das an?

Nik: Klar ist es eine tolle Zeit. Man ist über die nervige Pubertät hinaus, wo man nicht wusste, was mit einem passiert, ist über 18 und darf alles, hat aber immer noch die Chance, alles neu zu erleben. Es ist aufregend, aber ich spüre auch einen starken Druck. Ich stelle mir oft die Frage: Mache ich auch alles richtig? Nutze ich die Zeit richtig? War es richtig, anzufangen zu studieren, hätte ich nicht noch länger weg bleiben sollen? Ich denke darüber nach, wie ich die fünf oder zehn Jahre, die die besten meines Lebens sein sollen, auch wirklich zu den besten Jahren meines Lebens mache. So soll man es wahrscheinlich genau nicht machen.

Juan: Aber hast du das Gefühl, du tust das, was du willst?

Nik: Tja, das weiß ich nicht genau. Ich studiere das Fach, das mich im Moment am meisten interessiert, aber da ist noch so viel, was ich auch noch erleben möchte, was ich auch noch wissen möchte. Das kann ich halt nicht alles auf einmal machen. Ich weiß nicht, ob ich es richtig mache.

Juan: Diesen Gedanken solltest du fallen lassen. Man sollte alles kommen lassen, alles nehmen, wie es ist.

Nik: Klar, sollte ich nicht ständig alles überdenken, aber ich muss doch Entscheidungen treffen. Ich habe Macht etwas zu verändern – und damit Verantwortung.

Ein Studium oder eine Berufswahl passiert ja auch nicht einfach, du musst sagen: Das will ich, das mache ich jetzt. Wie wichtig ist so eine Entscheidung?

Maurice: Ich glaube, so eine Entscheidung sollte man nicht zu lange aufschieben. Je länger man sie aufschiebt, desto weniger Zeit hat man, sie eventuell zu ändern. Deswegen habe ich mir gesagt: ich fange jetzt an zu studieren und guck mal.

Maxime: Das Einzige, was ich abwäge ist, worauf ich gerade am meisten Lust habe. Ich möchte etwas gerne machen, um dafür auch Energie aufbringen zu können.

Nik: Aber das darf man auch nicht übertreiben. Ich habe mich für Volkswirtschaft entschieden, weil es mich interessiert und ich glaube, dass es mir Spaß machen kann. Im Moment macht es mir aber überhaupt keinen Spaß, aber deswegen darf man doch nicht gleich aufhören. Es ist unwahrscheinlich, dass man etwas findet, das einem die ganze Zeit Spaß macht. Man sollte sich nicht zu abhängig davon machen, dass man jetzt in diesem Moment Spaß hat.

Das heißt, es geht auch darum, dass etwas langfristig sinnvoll ist?

Nik: Auf jeden Fall. Das ist der einzige Grund, warum ich VWL studiere.

Maurice: Ich habe über Sinn nicht so nachgedacht. Ich wollte vor allem, dass es mir Spaß macht. Ich denke schon, dass es sinnvoll ist, dass ich überhaupt studiere, dass ich etwas mache. Natürlich ist das sinnvoller, als zuhause rumzusitzen.

Maxime: Ich will, so lange ich noch die Zeit habe, machen, woran ich Interesse habe. Da beziehe ich die Sinnfrage nur darauf, ob mir etwas gerade Spaß macht.

Sind Ziele für Euch wichtig? Definiert ihr für Euch Dinge, die Ihr erreichen wollt, auf die Ihr hinarbeitet?

Nik: Mein Vater hat mir als Belohnung für ein Einser-Abi eine Weltreise versprochen. Klar wollte ich das erreichen, aber ich glaube, ich hätte auch so ein Einser-Abi gemacht.

Wo kam die Motivation her?

Nik: Ich wusste, dass ich das schaffen kann und auch schaffen will, aber eigentlich habe ich nicht wirklich viel dafür getan. Ich hatte noch nie in meinem Leben ein Ziel, das mich wirklich motiviert hat. Klar, so kleinere Sachen – irgendwann mal wollte ich 100 Liegestützen schaffen und die habe ich dann auch geschafft. Aber das ist nichts, was in den Lebenslauf kommt. Jetzt ist es das erste Mal, dass ich denke: Ok, ich will etwas erreichen, deshalb studiere ich.

Fühlt sich das gut an?

Nik: Es trägt zum Glück bei, weil ich es nicht ständig hinterfragen muss.

Wie ist es, alles selbst entscheiden zu dürfen?

Nik: In 12 Jahren Schule habe ich eigentlich nie etwas entschieden. Das Meiste haben die Eltern vorgegeben. Die einzig wirklich persönliche Entscheidung, die ich getroffen habe, war die, mit Leistungsfußball aufzuhören.

Und auf einmal heißt es: so, hier ist dein Leben, mach was draus.

Nik: Auf einmal wird von einem erwartet: So, jetzt musst du wissen, was du den Rest deines Lebens machen willst. Das hat mich total überfordert, deshalb habe ich so lange gebraucht, um wegzufahren. Ich habe das Gefühl, dass es uns alle überfordert hat, diese Frage: was machen wir jetzt mit dieser Freiheit.

Maurice: Weil wir auch den Luxus haben, zuhause wohnen zu können und von unseren Eltern finanziert zu werden. Andere müssen sich schleunigst einen Job suchen oder Bafög beantragen.

Habt Ihr Berufsvorstellungen?

 Juan: Vor einem Jahr wollte ich mich für ein Kunststudium bewerben, ich habe mich für einen Mappenkurs angemeldet und kurz davor gemerkt: das fühlt sich alles so gewollt an, dann habe ich es gelassen. Ich war genervt von mir. Im Verlauf des letzten Jahres habe ich dann wieder angefangen zu malen und zu schreiben und jetzt weiß ich: Es gibt nichts, was ich mehr möchte als Kunst zu studieren.

Du hast aber das Jahr gebraucht, um das herauszufinden?
Juan:
Ja, jetzt ist es von alleine wieder gekommen. Das ist das allerschönste.
Und der Gedanke: ich muss Geld verdienen, um mir Dinge leisten zu können, die ich nicht brauche – der ist komplett weg. Ich habe keine Vorstellung von einem Beruf. Ich kann noch nicht einmal sagen, ich möchte Künstler werden, vielleicht bin ich es ja schon. Ich möchte einfach ich sein, Künstler sein. Meine Gefühle auf eine Leinwand fließen lassen und ja – davon leben. Oder nicht davon – damit leben.

Maurice: Also ich sehe den Beruf als wichtig an, weil er mir finanzielle Sicherheit gibt. Und Sicherheit ist wichtig für mein Glück.

Maxime: Ich sehe das ein bisschen anders. Wenn sich ein Beruf mit der Sache, die ich gerne machen möchte, vereinbaren lässt, dann würde ich diesen Beruf total gerne machen, aber ich würde mein Glück nicht unbedingt darauf bauen, dass ich einen Beruf brauche. Mir geht es eher darum, dass ich eine Sache machen kann, mit der ich jeden Tag zufrieden bin.

Maurice: Man kann ja auch im Lotto gewinnen.

Nik: Das macht, glaube ich, auch nicht glücklich.

Es gibt tatsächlich Studien, die belegen, dass Leute, die im Lotto gewinnen, nur kurzfristig glücklicher werden. Nach einem Jahr sind sie etwa wieder genau so glücklich oder unglücklich wie vor dem Gewinn. Das gleiche gilt übrigens auch für negative Ereignisse wie Unfälle.

 Maurice: Kommt natürlich darauf an, wie man mit der Situation umgeht.

 Nik: Leute, die mit Krisen schlecht umgehen können, sind wohl Leute, die sowie eher unglücklich sind. Ich glaube, dass es ein Talent ist, glücklich zu sein. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich von klein an gesehen habe, wie unterschiedlich man mit Situationen umgehen kann, weil meine Eltern in der gleichen Situation unterschiedlich glücklich sind. Ich habe gelernt, dass man Dinge positiv oder negativ sehen kann und habe versucht, mir die positive Sicht anzutrainieren.
Ich sage mir: Ich bin glücklich. Klar muss man aufpassen, dass man sich nicht etwas einredet und ignoriert, was wirklich passiert.

Seid Ihr der Meinung, dass Ihr euer Glück in der Hand habt? Oder ist es abhängig von Dingen, die passieren?

Maurice: Ich glaube auf jeden Fall, dass wir durch unsere Gegebenheiten, so wie wir aufgewachsen sind, das Glück in der Hand haben. Weil wir einfach sehr viele Möglichkeiten haben. Ich habe das Gefühl, dass ich mir immer bewusster werde, je älter ich werde, was ich tun muss, um glücklich zu sein.

Was ist das in deinem Fall? Wovon weißt Du, dass es Dich glücklich macht?

Maurice: Es macht mich glücklich, wenn ich hinter den Sachen, die ich tue, stehen kann. Unbeschwertheit, keinen Druck zu haben.

Nik: Ich glaube auch, dass wir das Glück in der Hand haben. Ich weiß aber nicht, ob es für uns einfacher ist, glücklich zu sein, weil wir schon so viel bekommen haben, weil wir uns nie Gedanken machen mussten, wie wir den nächsten Tag überleben. Oder darüber, ob wir Abi machen können, obwohl unsere Familie uns eigentlich als Arbeitskraft auf dem Reisfeld braucht. Es ist eher so, dass ich manchmal den Druck spüre: Andere Leute auf der Welt hungern und ich nicht, deswegen muss ich jetzt glücklich sein. Manche leben in einer Scheißsituation, irgendwo in Afrika, wo sie kein Trinkwasser haben, und sind trotzdem glücklich.

Ich habe neulich gelesen, dass junge Menschen noch vor 20 Jahren Erfolg als das Wichtigste in ihrem Leben definiert haben, heute ist die Antwort: Glück. Trifft das auf Euch zu?

 Nik: Ich glaube, das hat damit zu tun, dass das Überleben zumindest in der westlichen Welt gesichert ist und wir nach dem Ausschau halten, worum es wirklich geht und das ist Glück.

Maxime: Ich würde sagen, dass ein Zusammenhang zwischen Glück und Erfolg besteht. Wenn man Erfolg hat, kann das auch glücklich machen.

Was bedeutet für Euch Glück?

Maxime: Ich denke, dass es viel mit Fröhlichkeit zu tun hat. Wenn ich jeden Tag fröhlich das tue, was ich tun muss, dann empfinde ich das als Glück.

Also Glück im Sinn von Lebensfreude?

 Maxime: Ja genau.

Maurice: ich würde auch sagen, dass zum Glücklichsein dazu zählt, dass man hinter dem, was man macht, stehen kann, dass man zufrieden damit ist, wie man seine Entscheidungen getroffen hat.

Juan: Was ich für mich als Glück definiere, hat sehr viel mit Gefühl zu tun. Schon immer habe ich sehr viel gefühlt. Gefühle auszuleben, bedeutet für mich Glück.

Also auch negative Gefühle?

Juan: Ja. Einfach das Gefühl auszuleben. Was mir bis vor nicht allzu langer Zeit sehr schwer fiel, weil ich immer sehr abhängig war von Meinungen anderer. Ich habe zuerst auf andere gehört und dann auf das, was ich wirklich will. Vor paar Monaten hat sich da etwas geändert, durch Zeit zum Nachdenken, zum Reifen. Ich merke, dass ich glücklicher werde, wenn ich einfach das tue oder sage, was ich denke und fühle.

Maxime: Weil man draußen auch immer Ideale sieht. Werbung, Plakate

Also man vergleicht sich?

 Maxime: Nicht unbedingt vergleichen. Aber man kriegt halt gleich ein anderes Gefühl, wird davon abgelenkt, was man eigentlich will. Weil man sich doch vielleicht anpassen will.

Also die Vorstellung vom Glück geht leicht verloren?

 Maxime: Sie ist leicht beeinflussbar.

Nik: Für mich bedeutet Glück, dass man sein Leben nutzt und nicht das Gefühl haben muss irgendwann, dass man es vertan hat. In Malaysia in einer Bar hatte ich mit einem Amerikaner und einem Inder ein ziemlich langes Gespräch über Karma. Wir haben uns gefragt, was es bedeuten soll, dass alles zu einem zurückkommt. Kommt es direkt zu einem zurück wie ein Flummi? Oder muss man darauf warten? Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es wahrscheinlich so gemeint ist, dass man hinter allem was man tut, stehen sollte. Egal, wann der Tod an deine Tür kommt und sagt: das war es jetzt, musst du sagen können: Ok, ich hätte zwar Lust, noch weiter zu leben, aber ich habe richtig gelebt.

Juan: Geben zu können ohne nehmen zu wollen. Wenn man dazu fähig ist, macht das, glaube ich, einen sehr großen Teil des Glücks aus.

Ist es möglich, sein privates Glück zu leben, wenn die gesellschaftlichen Umstände unglücklich sind?

 Nik: Ja, ich bin glücklich obwohl super viel schief läuft.

 Maurice: Aber ja nicht in der näheren Umgebung, oder?

 Nik: Nein, klar.

 Maurice: Es ist ja nicht so, dass in meinem Haus alles gut ist und wenn ich rausgehe, sehe ich nur noch Unglück.

 Nein. Aber man muss nicht sehr weit schauen, um Unglück zu sehen. Meine Frage zielt darauf ab, ob Ihr gesellschaftliche Verantwortung für das Glück anderer empfindet?

Maxime: Ich empfinde schon Empathie mit Menschen, denen es schlecht geht, aber es geht nicht so weit, dass ich dann zuhause sitze und selber unglücklich bin.

Nik: Ich studiere, was ich studiere, weil ich die Welt gerechter gestalten will. Aber deswegen muss ich mich ja nicht schlecht fühlen, weil es mir persönlich gut geht. Ich muss mich ja auch nicht die ganze Zeit hungrig fühlen nur weil andere nichts zu essen haben. Im Gegenteil: Ich bin dankbar dafür, dass ich nicht hungern muss. Dankbarkeit ist, glaube ich, sehr wichtig für Glück. Sehen zu können, was gut ist.

Wie siehtst Du das als Künstler, Juan?

Mir sind alle Maßstäbe und Regeln egal. Wenn ich einen Pinsel in der Hand habe, habe ich die Macht, alles so darzustellen, wie ich es will, so wie es in mir aussieht. Und es kommen teilweise echt gute Sachen raus. Aber die Arbeiten für meine Mappe haben auch viel mit gesellschaftskritischen Themen zu tun. Das ist nicht so offensichtlich, aber ich habe definitiv etwas zu sagen und es gibt Vieles, das ich ändern möchte.

Wie wichtig sind andere Menschen für Euer Glück?

Nik: Für mich sehr wichtig. Wenn ich alleine bin, genieße ich das manchmal, aber meistens nicht. Als ich in Thailand alleine gereist bin, war ich an einem wunderschönen Fluss im Urwald, wo bunte Schmetterlinge am Ufer rumgeflogen sind. Ich stand in dieser krassen Natur und dachte: Ja, es ist super schön, aber ich kann es mit niemandem teilen. Da ist mir deutlich bewusst geworden, wenn man Glück nicht teilt, dann ist es nicht viel wert. Diese Erfahrung ist natürlich etwas wert.

Maurice: In meiner Ausbildung zum Erlebnispädagogen habe ich zum ersten Mal die Natur so richtig wahrgenommen und es hat mich begeistert. Ich bin ein richtiger Baum-Fan geworden. Da habe ich erfahren, dass ich alleine klar komme. Aber in Momenten, in denen es mir schlecht geht, denke ich immer: Mit wem könnte ich denn darüber reden? Wenn ich die Person gefunden habe, bin ich auf einmal wieder glücklich. Das ist bei mir wirklich wie – als würde ich mir Heroin spritzen.

Alle lachen.

Maxime: Freunde zu haben ist schon eine der wichtigsten Sachen.

Nik: Ich bin auch sehr dankbar dafür, dass wir als Freundesgruppe so gut zusammen geblieben sind.

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

35 + = 45