„Ich vermisse nichts. Nicht mal Vollkornbrot mit Käse“

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Anna-Zoe Schmidt auf Gili Islands

Macht Auswandern glücklich?

Neugier auf die Welt hat Anna-Zoe Schmidt immer schon angetrieben. Nach dem Abi wurde die 34-jährige Stewardess, später Reisejournalistin. In Medellín hat sie digitale Strategien entwickelt und ging später für die damals noch unbekannte Firma Airbnb nach Deutschland zurück. Schauspiel hat sie auch mal studiert, war aber, wie sie heute findet, eine furchtbare Schauspielerin. Letztes Jahr gründete sie gemeinsam mit Nadine Binias Wetreat http://www.we-treat.de, eine Plattform für besondere Reise- und Erlebnisangebote.

Warum hast Du beschlossen, Berlin zu verlassen und nach Bali zu ziehen?
Schon als Kind habe ich davon geträumt, eines Tages nach Berlin zu ziehen. Ich habe 13 Jahre hier gelebt. Immer mit Reiseunterbrechungen dazwischen. Jetzt habe ich das Gefühl, Berlin zu Ende entdeckt zu haben. Ich hatte keine Schmetterlinge mehr im Bauch.

Bist Du richtig ausgewandert?
Ich glaube ich bin in meinem Leben schon fünf Mal richtig ausgewandert. Immer mit Alles-Verkaufen, tränenreicher Abschiedsparty und dem Gefühl, nie wieder zu kommen. Und irgendwann war ich doch wieder zurück, gebeutelt und mit Heimweh. Und die Leute auf der Straße meinten: Was Du bist schon wieder da?
Deshalb habe ich diesmal keine Abschiedsparty gemacht. Das Gefühl, das ich gerade auf Bali habe, dass ich, wenn ich wollte, hier bleiben könnte und willkommen bin fühlt sich viel echter und schöner an, als das, was ich früher mal unter Auswandern verstanden habe. Also nein. Ich bin nicht ausgewandert, aber ich wandere.

Ist Bali der Ort Deiner Träume? Wenn ja, was macht ihn dazu?
Bali ist für viele Menschen der Ort ihrer Träume. Es gibt wundervolle Natur, die besten Yogaklassen, gutes Essen, herzliche Menschen. Und es ist immer noch relativ günstig, das heißt, man kann hier ein Leben leben, das man sich woanders nicht leisten kann. So tun, als wäre man reich. Eine sehr hohe Lebensqualität. Ich sehe da aber beide Seiten. Auf der einen Seite, das gesunde, einfache, schöne Leben und auf der anderen Seite die Balinesen, die für die Eat-Pray-Love Touristen ihre Reisfelder verkaufen und sich von dem Geld ein Auto kaufen. Irgendwann stellen sie dann fest, dass man von Autos keine Familie ernähren kann, und werden Taxifahrer, während die Luxusvillen auf den ehemaligen Reisfeldern leer stehen und auf reiche Touristen warten.

Also kein vollkommener Traumort?
Ich träume von einem Ort, der nicht ausverkauft und zugemüllt wird. Ein Ort, der wächst, und zwar in einer Gemeinschaft. Aber ich suche diesen Ort immer noch. Aber die Balinesen machen es mir sehr leicht, mich hier wohl zu fühlen und derzeit mag ich auch nicht weg.

Ist das vielleicht ein imaginärer Ort oder meinst Du, Du findest ihn?
Ich werde so lange suchen, bis ich diesen Ort gefunden habe. Oder ich bau ihn mir halt einfach selbst. Beides ist möglich.

Kannst Du mit dem Begriff „Heimat“ etwas anfangen?
Als erstes denke ich an meine Oma Hede in Salzgitter. Und ihre Kaffeekränzchen mit einem Glas Sherry. Aber wenn ich dann da bin, fühle ich mich irgendwie rausgewachsen. Heimat ist auch, mit meiner Freundin Nadine in unserem alten, schlumpfblauen Auto Spontanausflüge nach Brandenburg zu machen und neue Landcafés auszutesten. Und sobald man mir eine Küche gibt, einen Topf, ein Messer und ein bisschen Gemüse zum Kochen, fühle ich mich Zuhause.

Hattest Du klare Vorstellungen von Deinem neuen Leben?
Mein derzeitiges Leben ist nicht neu. Ich war schon immer umtriebig und abenteuerlustig. Neu ist hier nur die Sprache, der verrückte Verkehr und die tropischen Früchte auf dem Markt. Und dass ich nie friere.

Fühlst Du Dich inzwischen auf Bali so richtig zuhause?
Mein Ziel ist es immer, einen Ort zu erobern, mich als Teil des Ganzen zu fühlen. Von den Nachbarn, vom Alltag, von der Natur, die mich umgibt. Meine neuste Theorie ist, dass man 14 Tage zum Ankommen braucht, und drei Monate, damit sich alles ganz normal anfühlt. Ich beginne gerade meinen vierten Monat hier.

Was hat dich am meisten überrascht?
Ich bin erstaunt darüber, wie schnell ich mich adaptiere und auch verändere. Meine Glaubenssätze aber auch Bedürfnisse transformieren sich. In Berlin brauchte ich meistens Menschen um mich herum, um mich wohl zu fühlen oder nicht zu langweilen. Hier genieße ich die Alleinzeit und stoße manchmal sogar ganz heimlich einen kleinen Erleichterungsseufzer aus, wenn ich nach einer intensiven Zeit mit Freunden wieder allein auf meinem Roller durch die Nacht rolle.

Hast Du Freunde in Bali? Oder meinst Du Freunde aus Deutschland?
Ich lerne auf Bali viele neue Menschen kennen, die vielleicht auch mal zu Freunden werden. Aber das dauert ja immer ein bisschen. Aber da Bali gerade eine sehr beliebte Reisedestination ist, vergeht eigentlich kaum eine Woche, in der nicht ein Freund aus Berlin oder dem Rest der Welt zu besuch ist. Manchmal laufe ich sogar zufällig im Coffeeshop in jemanden rein, den ich schon lange kenne. Inzwischen wundere ich mich nicht mehr, sondern freue ich. In dem Dorf wo ich wohne, gibt es allerdings nur Balinesen und ich genieße es auch mal, niemanden zu kennen und Neues zu entdecken.

Was hast Du besonders gerne hinter Dir gelassen?
Ich merke, dass ich immer weniger Lust habe, mich mit den Problemen und der Ernsthaftigkeit von vielen Deutschen zu beschäftigen. Immerzu an Geld zu denken und darüber zu reden, immer eine korrekte, politische Meinung haben zu müssen und diese bis aufs Blut zu diskutieren, Kleinlichkeit, Geiz, Empathielosigkeit. Diese Dinge lasse ich gerade liebend gerne hinter mir. Auch wenn sich dadurch der Freundeskreis ein wenig komprimiert.

Du hast vor einiger Zeit dieses beeindruckende Bild von dem einzigen Arbeitsplatz gepostet, den Du noch akzeptierst – wie arbeitest Du jetzt? Wovon lebst Du?

Arbeitsplatz mit Laptop und Blick aufs Meer
Foto: Wetreat

Ich habe mir nach meiner Startupzeit geschworen, nie wieder ein klassisches Büro zu betreten. Also eins mit kaltem Licht, festen Arbeitszeiten, wo Druck und Langeweile in der Luft schweben. Ich fühle mich da sofort eingesperrt und bekomme Pickel. Ich funktioniere, wenn ich in Bewegung bin. Und es sich um mich herum bewegt. Ich kann da wunderbar abschalten. Auf Flughäfen, an Surfstränden. Gerade sitze ich in einem Coffeeshop in Ubud auf einem Schaukelstuhl. Die Damen neben mir reden von Karma und machen Heilungs-Sessions, der frischgemahlene Kaffee aus Balis Bergen duftet. Ich habe zerzauste Haare und fühle mich gerade genug unsichtbar, um voll konzentriert und dennoch mit Leichtigkeit Fragen zu beantworten.

Wie sieht dein Alltag aus?
Immer anders. Es kommt drauf an, was ich gerade zu erledigen habe. Im Moment schreibe ich viele Texte und da ich dafür Ruhe brauche, habe ich mich für eine Woche in ein kleines Holzhaus in Ubuds Reisfeldern eingemietet und schreibe eigentlich nonstop. Ich gönne mir eine schöne Aktivität am Tag – eine Yogastunde, eine Massage oder ein feines Essen. Der Rest gehört den Buchstaben. Ansonsten versuche ich im Flow zu bleiben. Wenn man selbstständig ist, gibt es immer viel zu tun, aber mir ist auch bewusst, dass ich Ruhepausen brauche. Und wenn ich keine Lust habe oder meine Tage, dann nehme ich mir einfach frei und spiele Urlaub.

Man liest ja immer wieder, dass es in Zeiten von Internet möglich ist, überall zu arbeiten – stimmt das? Oder fühlst Du Dich nicht doch zu weit ab vom Schuss?
Ich kann alles von überall erledigen. Es gibt in jedem Café Wifi und mit meiner indonesischen Sim-Karte habe ich oft eine bessere Verbindung als auf dem Land in Deutschland. Ich arbeite aus meinem Bambushaus im Dschungel, am Flughafen, im Café vom Yogastudio. Allerdings haben deutsche Auftraggeber da noch Zweifel und wollen, dass man an einem Schreibtisch in Berlin sitzt, was völliger Quatsch ist. Ich höre oft den Satz, „ja dann melden Sie sich bitte, wenn sie aus dem Urlaub zurück sind“. Ich hatte mal den Gedanken, dass ich einfach niemandem sage, dass ich gerade auf Bali bin, aber ich bin ein echt schlechter Lügner und hoffe, dass irgendwann Akzeptanz für eine freie Orts- und Zeiteinteilung herrscht, so lange die Leistung stimmt.

Ist Wetreat Dein Herzensprojekt? Und wo soll es damit hingehen?
Wetreat ist die logische Konsequenz aus allem was ich schon immer gerne tue. Reisen, Schreiben, Menschen treffen, mich spirituell weiterbilden, Glück sammeln. Wetreat ist mein Baby und meine Vision. Irgendwann wird es vielleicht mal ein Wetreat Center of Simple Pleasures geben, ein Gästehaus und Restaurant auf einer Klippe mit Blick aufs Meer. Diesen Traum habe ich seitdem ich ein Teenager war und Wetreat kann es mir ermöglichen.
Ich würde gerne meinen Lebensunterhalt zum Großteil mit Wetreat verdienen, aber das dauert noch ein bisschen, da es vielen Leuten nicht bewusst ist, dass so schöne Dinge auch Arbeit machen und Geld kosten. Wir arbeiten dran und halten durch. Konsistenz ist glaube ich der Schlüssel zum Erfolg, Ich habe so viele gute Ideen zu früh aufgegeben, weil die Zeit nicht reif war. Inzwischen habe ich gelernt, dass man abwarten muss. Die Papaya soll man auch erst pflücken, wenn sie reif ist.

Vermisst Du etwas?
Ich vermisse nichts. Nicht mal Vollkornbrot mit Käse.
Na gut ein bisschen schon. Ziegenkäse! Und Sherry mit meiner Oma, leider hat sie kein Skype.

Bist Du glücklich?
Ich bin gerade sehr glücklich.

Wir haben dieses schöne Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – ist das so?
Es kann auch Zufall sein, ob man Glück hat oder Pech. Aber da beides nur eine Momentaufnahme ist, ist beides gleich wichtig und richtig. Was ich auf jeden Fall glaube, ist, dass gute Gedanken, eine positive Lebenseinstellung und Vertrauen darauf, dass alles gut wird, das Leben ganz schön vereinfachen können. Und ich glaube auch daran, dass man erntet was man sät. Negative Gedanken, Unfreundlichkeit und Ignoranz werden am Ende furchtbar hässliche Blumen, die stinken.

Was gibt Dir Kraft? Was inspiriert Dich?
Das kleine Gefühl, wenn ich am richtigen Ort bin, etwas richtig gemacht habe oder die Dinge sich zu meinen Gunsten fügen, gibt mir Kraft. Kleine Reminder die sagen: Du bist richtig, genau so wie Du bist. Natur inspiriert mich, bunte Schmetterlinge, schnell wachsende giftgrüne Reisfelder und pinke Sonnenuntergänge. Der Anblick einer Ananaspflanze inspiriert mich. Wie kann so eine kleine Pflanze so eine große Frucht hervorbringen?

Du hast Dich getraut, Du hast das gemacht, wovon Viele träumen und ein ganz neues Leben begonnen – was ist Dein Rat an alle, die sich das auch wünschen?
Trau Dich! Du hast absolut nichts zu verlieren und in jedem Fall eine Erfahrung als Hauptpreis.

Wer noch ein bisschen mehr von Zoe wissen möchte, findet hier ihren Erfahrungsbericht aus dem Dschungel http://we-treat.de/leben-in-der-natur-im-dschungel/

 

 

 

 

 

 

 

 

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